Märchenwelt statt echtes Leben

Zeitschriften wie die „BRAVO“ und unter anderem die "Popcorn" gelten als Ratgeber für jugendliche Mädchen sowie Jungs. Geworben wird mit vermeidlichen Alltagsfragen und Neuigkeiten von den bekanntesten Gesichtern der Welt. Wie sich das Jugendmagazin aber tatsächlich an die Realität und Interessen der Zielgruppe anpasst, haben sich die Redakteurinnen Sina, Zora und Charlotte genauer angeschaut.

VON SINA

Ich persönlich habe schon mit 10 Jahren die Bravo gelesen, hatte sogar ein Abo. Einfach weil ich es "cool" fand und nicht drüber nachdachte, ob mir das jetzt hilft oder nicht. Ich hab mir die Titelseite angeschaut und wenn da sowas stand wie "So wirst du zum Star der Schule" mit Miley Cyrus vorne drauf, musste ich das natürlich haben. Ebenfalls auf dem Titelblatt sind Teaser zu den Stories, welche Poster sich in der Mitte der Zeitung befinden und  eine Abbildung des Extras. Oft  sind das Handysticker oder billiger Schmuck, der schon beim bloßen Anschauen kaputt gehen kann. Auffällig sind die bunten Farben, die sich untereinander beißen und der Name der Zeitschrift als Kopf der Seite. Die Bilder und die Schrift überschneiden sich, eine wilde Collage, wie auch auf den restlichen Seiten innerhalb des Heftes. Alles was man braucht, um in einem Regal neben LilliFee und ELLE herauszustechen. Die BRAVO ist vor allem präsent, wenn es darum geht, jungen Erwachsenen in ihrer Entwicklung zu helfen und gleichzeitig vom neusten Klatsch und Tratsch zu berichten. Eben das, was 13/14-Jährige wollen, oder sogar Jüngere.

 

Das vermittelte Bild

Apropos Jüngere. Was finden sie, wenn sie die Zeitung aufschlagen? U.a. nackte Menschen, (zum Teil) glatt rasiert und oft schlank wie ein Streichholz. Es gibt Verhaltenstipps, mit denen man zum Everbody’s Darling werden kann. „Mit diesen Haltungen, bist du gleich viel selbstbewusster!“. Ach ja, bin ich das?
Nein! Wenn ich als 10-jähriges Mädchen meine Brust rausstrecke und die Arme in die Hüften stemme, werde ich als arrogant und aufmüpfig, aber sicherlich nicht als „cool“ und „selbstbewusst“ von meinen Mitschülerinnen bezeichnet. Denke ich in diesem Alter überhaupt schon daran? Sicher nicht, aber jetzt weiß ich, was ich tun muss und nehme es auf, wenn auch unbewusst.
Wirft man einen Blick in die Foto-Lovestory sieht man ebenfalls jede Woche das Gleiche: Mehrere Menschen, ca. 20-22 Jahre alt, werden als 15-Jährige dargestellt. Schmales Gesicht, komplett ohne Hautunreinheiten. Die Körper der Männer durchtrainiert. Die Mädchen könnten sich hinter einem Grashalm verstecken, sind groß und schlank und haben deutlich Make-up aufgetragen. Die Kleidung sieht ordentlich und teuer aus – oft erkennt man Marken wie Hollister, Adidas oder Nike. Es treffen sich also ein Junge und ein Mädchen, von denen eine Person unglücklich ist, und dann verlieben sie sich plötzlich ineinander und nach dem zweiten Treffen sind sie happy ohne Ende zusammen und leben glücklich weiter. BLA BLA BLA. In nur fünf bedruckten Seiten werden unrealistische Liebesbeziehungen mit Märchenfiguren und vermeidlich idealen Erscheinungsbildern kombiniert. Ein oft gewähltes Motiv ist auch, dass das Mädchen von jemandem begrapscht wird und von ihrem späteren Freund „gerettet“ wird.  Neben dieser Sexualisierung junger Mädchen sind es  zudem ausschließlich Beziehungen zwischen einem Mann und einer Frau, die thematisiert werden, nie wird die LGBTQIA + Community auch nur annähernd erwähnt.
Die schöne, heile Welt. Attraktive, intelligente Menschen in schönen Umgebungen, welche die eigene Gepflegtheit widerspiegeln. Als ob das ein Normalzustand sei, an dem es sich zu messen gilt. Keine genaue Definition von „normal“, aber sie wird in Form von immer den gleichen Bildern dargestellt. So auch bei der schon kurz angesprochenen Sexualität. Schaut man auf die Website der BRAVO, findet man nur geringfügig Artikel zum Coming Out, geschweige denn Aufklärungsvideos, die zeigen, dass die Welt eben nicht nur aus Männlein und Weiblein besteht, die miteinander schlafen.

 

  • Warum BRAVO und Co. uns mehr schaden als helfen

 

Die Jagd nach den Trends

Wenn ein Celebrity jeglicher Art etwas trägt, scheint es sofort der neuste Trend zu sein. In der BRAVO werden Anleitungen gegeben, wie man auch dazugehören kann.
Weniger bzw. unauffälliger werden Probleme thematisiert. Die Handysucht vieler Jugendlicher wird überschattet mit Tipps für „Die Geilsten Apps Für Mädchen“. Neben diesem Gendermarketing macht es zudem außerdem überhaupt keinen Sinn, in solche Widersprüchlichkeiten einzugehen. Hinzuzufügen ist jedoch, dass die Hilfe für mentale Probleme, wie Suchtverhalten, in der Zeitschrift selbst stets unauffällig im hinteren Teil des Magazins zu finden ist oder kleiner dargestellt wird. Auch auf der Webseite wird man erst auf Unterseiten fündig. Schließlich muss die Startseite stets top aktuell sein, zeitlose Themen haben da kaum eine Chance.

 

Die Realität

Es fehlt jeglicher Realitätsbezug, was in der Folge dem Leser eher schadet, als hilft. Menschen haben Pickel und Mitesser, sind groß, klein, haben Oberschenkel mit etwas mehr Umfang. Frauen tragen kurze Haare und haben Tattoos. Nein, die Haut ist nicht immer straff, viele haben Dehnungsstreifen durch einen Wachstumsschub. Auch haben 95% aller Frauen Cellulite und es gibt sogar Fälle, da sind sie stolz drauf. Trend hin oder her, auch Second-Hand-Kleidung ist bei vielen beliebt, es muss nicht immer die neuste Markenkleidung für teures Geld sein. Jungs verbringen ihre Freizeit nicht nur im Fitnessstudio, sondern auch zu Hause vorm PC und zocken, sie haben nicht alle einen Sixpack und Mädchen stehen nicht nur auf Muskeln. Und das ist okay, es ist menschlich. Aber wer bereitet die jungen Leser*innen auf diese Wahrheit vor? Wer sagt ihnen früh genug, dass das ideal ist, wie sie sich am wohlsten fühlen?
Jugendliche sind unglücklich verliebt. Sie machen oft jung Fehler und lernen daraus. Sie vertrauen nicht mehr blind und sind oft viel zu skeptisch, um sich auf den nächst Besten einzulassen.Außerdem: Es gibt auch nicht-heterosexuelle Beziehungen in unserem Alter. Bei der Liebe geht es in erster Linie um Menschen und nicht um deren Geschlecht. Warum wird  ein Coming Out eines Stars überhaupt noch an die große Glocke gehangen? Und das passiert nicht nur bei der BRAVO.  Liebe an sich ist etwas Besonderes, aber nicht wie oder wen man liebt, das ist im Endeffekt egal.
Junge Menschen sind leicht beeinflussbar. Sie glauben zum Teil, was sie hören. Wenn sie das Horoskop lesen und ihnen mitgeteilt wird, dass sie nur noch schlechte Noten haben werden und viel Streit mit ihren Freunden auf sie zukommt, hat das einen negativen psychologischen Effekt auf die Wahrnehmung der Jugendlichen. Sie steigern sich in etwas hinein, was nicht da ist und stellen sich Dinge vor, die nicht da sind. Und das nur, weil Menschen ihren Einfluss nutzen und die Wahrnehmung so manipulieren, dass die Jugendlichen wieder auf die Hilfe von ihnen angewiesen sind.

 

Fazit

Sich mal eine Ausgabe einer Jugendzeitschrift zu kaufen, ist in Ordnung und ich bin mir sicher, dass das jeder von uns schon einmal gemacht hat. Wichtig ist nur, sich bewusst zu sein, wie viele unreelle Bilder vermittelt werden und die Menschen dort sich im wahren Leben mit Sicherheit nicht so perfekt und makellos verhalten, wie dargestellt. Gerade im jungen Alter scheint es mir befremdlich, dass sich die Eltern der Gefahr nicht bewusst werden. Dass nicht klar ist, dass ihre Kinder Komplexe bekommen können, wenn sie nur Frauen oder auch Männer sehen, die sich unnatürlich nett und zuvorkommend verhalten oder reine Haut haben, so wie sie sie gerne hätten.

 

Hier noch ein passendes Video von Nhi Le (Jäger + Sammler, Funk):

Hauptsache Sexy - Nhi Le über Mädchenzeitschriften | Jäger & Sammler

Jugendmagazin Kategorien: 
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