„Ich bin böse“

Ali Land veröffentlichte vor kurzem ihr Buch „Ich bin böse“. Ein psychologischer Spannungsroman, der verändert. Wie? Mit einer Menge Spannung und einem Spiel mit der Psyche, das ich in dieser Form noch nicht erlebt habe. Definitiv nichts für schwache Nerven.

VON FRIEDERIKE

Das Leben mit einer Psychopathin

Es geht um Annie, die allein mit ihrer psychopathischen Mutter in einem abgeschiedenen Haus wohnt. Gegenüber ihrem Zimmer befindet sich das sogenannte Spielzimmer, wo ihre Mutter kleine – vorzugsweise – Jungen, aber auch Mädchen misshandelt und zuletzt tötet. Annie gegenüber verhält sie sich sehr gegensätzlich. Einmal ist sie zu ihr die gutmütige Mutter, die sich um sie sorgt und mit ihr Dinge unternimmt. Im nächsten Moment foltert sie auch ihre Tochter. Kurz vor Annies 16. Geburtstag und nachdem ihre Mutter zum neunten Mal zur Mörderin geworden ist, hält Annie es nicht mehr aus und geht zur Polizei.

 

Alles neu

Annie ist von nun an Milly und wird von ihrem Psychologen Mike in dessen nicht allzu heile Familie aufgenommen. Ihre neue Mutter Saskia scheint Angst vor Milly und ihrer Vergangenheit zu haben und ihre Schwester Phoebe, die nichts von eben dieser Vergangenheit weiß, kann sie nicht ausstehen. Der Hass, den Phoebe jedem der zahlreichen Pflegekinder, die Familie Newmont bisher aufgenommen hat, entgegengebrachte, rührt daher, dass sie sich von ihren Eltern vernachlässigt fühlt. Milly jedoch verabscheut sie besonders und das zeigt sie ihr sowohl zu Hause, als auch in der Schule. Dort ist Phoebe hochangesehen, was es für Milly unmöglich macht, dem Mobbing aus dem Weg zu gehen.

Mike bemerkt all das nicht, obwohl die Attacken seiner Tochter immer grausamer werden, wo Milly gerade doch mit viel Schlimmerem zu tun hat: Der Prozess ihrer Mutter steht an und Milly muss sich darauf vorbereiten in Anwesenheit ihrer Mutter vor Gericht als wichtigste Zeugin gegen diese auszusagen und ihre gemeinsame Geschichte wohl oder übel wieder von vorn aufrollen.

 

Millys Beziehung zu ihrer Mutter

Das Buch ist aus Millys Sicht geschrieben, die noch immer eine emotionale Bindung zu ihrer Mutter hat. Sie steckt in einem Zwiespalt, denn sie sieht wie falsch die Morde doch sind, fühlt sich jedoch trotz alldem, was vorgefallen ist, noch immer zu ihrem letzten Familienmitglied hingezogen. Milly hat sich vorgenommen nach all den Dingen, die ihre Mutter ihr gezeigt und vorgelebt hat, liebenswert und nett zu sein und auf keinen Fall wie ihre Mutter zu werden.

Tief drinnen, denkt Milly, ist sie allerdings trotzdem noch die Tochter einer Serienmörderin und hat den Hang zur Gewalttätigkeit in ihrem Blut. Dieser Glaube verfolgt sie das ganze Buch über in Form ihrer Mutter. Tags wird Milly von dieser als Stimme in ihrem Kopf, nachts als wiederkehrende Figur in ihren Träumen heimgesucht. Diese Tatsache erschwert es ihr, besonders durch das Näherrücken des Gerichtstermins, ihre Mutter loszulassen. Millys teils blutigen Gedanken werden zusätzlich aber auch noch vom Psychoterror Phoebes und ihren Freunden geschürt, was ihre Chancen auf ein normales Leben schwindend gering aussehen lassen.

 

Land verhüllt nicht

Ich habe das Buch mit in den Urlaub genommen, um es dort bei schönem Wetter am Strand zu lesen und mir mit guter Literatur die Zeit zu vertreiben. Gute Literatur ist dieser Roman allemal, aber ein einfacher Zeitvertreib und damit leichte Kost ist er keineswegs. Milly beschreibt nie direkt, was ihre Mutter ihr und den Kindern nun wirklich angetan hat, was die Intensität der umrissenen Beschreibungen einzelner Taten jedoch in keiner Weise abschwächt. Alles wirkt nur umso bewegender, wie die aufgrund ihrer verpassten Kindheit noch relativ kindliche Milly ihre Erinnerungen schildert.

Ali Land schreibt realistisch, was nicht zuletzt daran liegt, dass sie selbst über mehrere Jahre mit einer Kinderpsychiatrie zusammengearbeitet hat. Genau das ist der aufwühlende Teil dieses Romans: Das alles basiert auf Erlebtem realer Menschen oder ist dem zumindest nachempfunden. Auch wenn der genaue Plot freierfunden ist, sind die Gedanken und die Gefühlslage Millys wirklichkeitsnah. Diese Information am Ende des Buches hat mich doch noch einmal sehr nachdenklich gestimmt und führt dazu, dass das Buch noch lange nach dem Lesen stark beschäftigt. Mir persönlich war dieses Thema nie so direkt und nackt dargeboten worden, was Ali Land mit ihrem Buch jedoch geschafft hat.

Dieses Buch bewegt und verändert – ich für meinen Teil werde von nun an wohl mit anderen Augen durch die Welt gehen. Wer weiß was wirklich hinter geschlossener Tür vor sich geht?

Schlagworte: 
Jugendmagazin Kategorien: 
Noch keine Bewertungen vorhanden
 

Neuen Kommentar schreiben

Hiermit bestätige ich die Nutzungsregeln für die Webseite jup.berlin und stimme der kurzfristigen Speicherung meiner IP-Adresse zu.