Momente des Unwohlseins

In meinem Leben gibt es, wie bei allen anderen Leben auch, Momente des Unwohlseins.

Durch meine zufällige Kollektivzugehörigkeit, durch die entsprechende Ausstattung mit Eierstöcken, Vulva und Klitoris scheine ich, solche Momente gar anzuziehen.

Wer schon immer den besonderen Kick einer Angstsituation am Abend in öffentlichen Nahverkehrsmitteln gesucht hat, der braucht nur wie ein weiblicher Fahrgast aufzutreten und voilà, der schmierige Typ, der euch schon die halbe Strecke frivol zulächelt, sieht seine Chance gekommen, um euch zum Beispiel anzufassen. Spielerrein solcher Art, bedeuten für den Aggressor, eine Hülle und Fülle an sexualisierter psychischer und physischer Gewalt. Ein kurzer Rock, rote Lippen oder auch ein tiefer Ausschnitt lassen dabei sogar zu, dass ihr am Ende der Aktion die Schuld selber tragen dürft.

Lustigerweise obendrein, von Personen, die euch a) nicht zur Hilfe eilten, aber alles mit ansahen, b) die Meinung vertreten, dass Frauen das wollen, weil sie sich ja extra deshalb in Schale werfen oder c) einfach mal mit euch flirten wollten und ihr das natürlich zu "eng" seht, haha.

So einen Moment gab es erst kürzlich bei mir wieder. Beim Versuch ihn logisch, das heißt chronologisch zu rekonstruieren, scheitere ich unaufhörlich bei den Fragen: "Warum ist MIR das passiert?" und "Hätte ich es vermeiden, verhüten, unterbinden können?".

Die Tatsache, dass ich den Tathergang als solchen skizzieren möchte, impliziert, dass es laut meinem Verständnis zu einer Tat gegen meine Person gekommen ist. Diese Tat verletzte meine freie Integrität als Individuum und wertete mich in einer massiven Art und Weise herab, die ich nicht mal dem Täter selber wünsche. Dass auch Nachwirkungen dadurch mit sich gezogen wurden, ich also seit dem noch mehr Angst verspüre als ohnehin notwendig wäre, möchte ich an dieser Stelle ergänzen.

Alles spielte sich auf meinem müden Nachhauseweg ab. Ich war mit Freundinnen irgendwo etwas trinken, nicht be-trinken, nur ein bisschen am Glas nippen-trinken. Die Uhrzeit nicht zu spät, nicht zu früh, wobei solche Einschätzungen in einer "Stadt die niemals schläft" schwierig ausfallen können. Mein Outfit, falls das eine Rolle spielt, schlicht und erogene Teile bedeckend, schützte mich nicht davor, vom fremden Mann (Glatze, ca. 40 Jahre alt und miefend nach Alkohol) bespuckt zu werden. Als ich bei der U9 umstieg, bemerkte ich ihn gar nicht.

 

Er saß auf einem der metallenen Sitzgelegenheiten. Drei Plätze waren noch frei und ich hatte keine Lust, die 8 Minuten, die zwischen mir und meinem Bett standen, stehen zu müssen. Dass diese üble Fehlentscheidung fremden Speichel in meinem Gesicht nach sich ziehen und mit einer Ohrfeige untermauert würde, hätte ich ebenso wenig geglaubt, wie dass Donald Trump amerikanischer Präsident werden würde.

Nachdem ich mich setzte, fing er an Kontakt zu suchen. Ich kenne zum Glück Mittel und Wege, solche Gesuche im Keim zu ersticken. Auf den Boden schauen, zur Seite, Hauptsache keinen Augenkontakt. Augenkontakt kann leider von Aggressoren missgedeutet werden und im schlimmsten Fall, eine selbst ernannte Einladung aussprechen. Kopfhörer unterstützen den Effekt und ihr hört seine ekelhaften Anmachsprüche nicht. Step 2 erfordert die Suche nach Verbündeten. Schließlich ist jeder Augenzeuge, der auffindbar ist, euer Augenzeuge und verhindert durch seine bloße Anwesenheit, dass Aggressoren noch näher kommen oder euch gar töten. Obwohl ich die Methodik anwandte, klappte es nicht. Mein Verteidigungsmechanismus griff nicht. Der Typ machte auf mich den Eindruck, als ob er mir gleich nach laufen wollen würde, bis vor meine Haustür, mein Bett, meine Scham?

Also versuchte ich ihm klar zu machen, dass das nichts bringt und ich ALLEIN nach Hause gehen würde. Schnell wurde er wütend, weil mein „Nein“ ihm als Antwort nicht genügte. Er sprang auf, spuckte mir mit voller Wucht ins Gesicht und verschwand, nur um in einer darauffolgenden Minute wieder zu kommen, mich erneut im Gesicht zu treffen und seinen "charmanten" Kurs mit einer Ohrfeige abzurunden. Um den ehrenwerten Titel der Schlampe wurde ich ebenso bereichert. Ich war währenddessen wie gelähmt. Klar, hatte ich Angst, klar, hatte die Ohrfeige wehgetan. Aber ich hätte nie gedacht, dass es so schwierig werden würde, „Nein“ zu sagen und um Mitternacht an einem Samstag in Berlin nach Hause fahren zu wollen.

Am nächsten Tag postete ich mein Erlebnis auf Facebook und erhielt dort zahlreiche gut gemeinte Vorschläge, wie ich mich in Zukunft schützen könne. Die Palette reichte von Tierabwehrspray bis Kampfsport. Aber auch dies klopfte bei mir die traurige Vorstellung fest, dass solche Vorfälle in Zukunft weiter passieren werden und es dann wirklich meine Schuld wäre, nicht aufgerüstet zu haben. Nicht von einem männlichen Kumpel begleitet worden zu sein, nicht früher losgegangen zu sein, nicht dickere Kleidung getragen zu haben. Ich werde demnach auch in Zukunft damit rechnen müssen, Anteil am Schuldkapital zu tragen und als eigentliches Opfer der sexualisierten Gewalt verdächtigt zu werden, Provokationen geschaffen zu haben. Wie furchtbar, furchtbar traurig. Und das nur wegen eines wahllos angewachsenen Geschlechtsteiles.

 

VON A.

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