„Warum ist hier eigentlich alles grau?“

In Berlin werden einige Modulare Unterkünfte für Flüchtlinge gebaut. Die modernen Plattenbauten sollen als Gemeinschaftsunterkünfte dienen und ein langfristigerer Wohnort für Geflüchtete sein. Am 27.10. war in der neuen MUF in Hellersdorf Tag der offenen Tür.

VON LEEN

„Warum ist hier eigentlich alles grau?“, fragt ein kleines Mädchen. Sie ist circa 5 bis6 Jahre alt und sieht sich mit ihrer Mutter die neue Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete in der Albert-Kuntz-Straße in Berlin-Hellersdorf an.

Niemand weiß so richtig, was man auf diese Frage antworten soll. Denn sie hat Recht – besonders wohnlich ist es hier bisher nicht. Die Fassade der Gebäude ist grau und wirkt unfertig. Es erinnert ein  bisschen an die Einheitsbauten aus futuristischen Filmen. Genauso grau sind die Treppenhäuser, in allen Zimmern sind die Wände weiß, der einzige Farbklecks sind die farbigen Wände in den zentralen Flurbereichen.

Ebenso nüchtern eingerichtet sind die Zimmer. Für jeden Bewohner ein Metallbett, ein abschließbarer Spind und ein Holzregal. In manchen Zimmern noch ein Tisch mit Stühlen. Bad und Küche werden geteilt. Etwa 16 Bewohner*innen benutzen eine Küche mit zwei Herden, Bäder sind nach Geschlechtern getrennt. Diese Ausstattung stellt das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF). Alles darüber hinaus müssen sich die Bewohner selbst kaufen oder gespendet bekommen.

Ein Besucher, der sich zeitgleich mit mir ein Zweitbettzimmer im Erdgeschoss anschaut, ist der Meinung, die Unterkunft sei zu großzügig. Man könne hier mindestens vier Betten in ein Zimmer stellen, schließlich sollen sich die Flüchtlinge auch nicht zu wohl fühlen – sonst blieben sie ja ewig hier. Ich mache ihn darauf aufmerksam, dass das Zimmer in dem wir uns befinden barrierefrei ist. Und der Platz erscheint für mich gerade so als ausreichend, um sich mit einem Rollstuhl frei zu bewegen. Das scheint ihn nicht zu interessieren und er wettert weiter vor sich hin. Ein zukünftiger Mitarbeiter der Unterkunft fängt ein Gespräch mit ihm an, und erklärt sachlich, welche verschiedenen Zimmer es hier gibt und dass sie als Ersatz für eine eigene Wohnung gesehen werden sollen.

Ich bin beeindruckt, mit welcher Sachlichkeit und Geduld er den Besucher*innen all ihre Fragen beantwortet, denn schnell hat sich eine kleine Menschentraube um ihn gebildet.

Ein Zimmer im ersten Obergeschoss ist als Kinderbetreuungs-Raum bezeichnet. Die stellvertretene Leiterin der Unterkunft erzählt, dass es wohl für keines der jüngeren Kinder, die in die Unterkunft einziehen werden, einen Kindergartenplatz geben wird. Die Betreuung wird in Räumen wie diesem durch Sozialarbeiter*innen stattfinden. Die Ausstattung ist denkbar minimalistisch: 20 Stühle stehen hier im Kreis. In einem kleinen Raum im Erdgeschoss sind einige wenige Spielsachen und farbige Möbel zu sehen – alles Spenden.

Die Unterkunft, die aus zwei Wohngebäuden und einem flachen Verwaltungsbau besteht, soll demnächst von rund 450 Menschen bewohnt werden. Wann genau der Einzug stattfindet, weiß zu diesem Zeitpunkt noch niemand, ebenso welche Nationalität die Bewohner*innen haben und wie viele Kinder unter ihnen sein werden.

Fest steht aber, dass alle Bewohner*innen schon eine Weile in Berlin sind und hierher umziehen, weil ihre bisherigen Unterkünfte geschlossen werden. Es handelt sich um eine sogenannte Gemeinschaftsunterkunft.

 

Aktuell werden Geflüchtete nach ihrer Registrierung in Berlin in einer Aufnahmeeinrichtung mit Vollverpflegung untergebracht, die spätestens nach 6 Monaten verlassen werden müssen. Da der Wohnraum in Berlin bekannterweise sehr knapp ist, kommen die Gemeinschaftsunterkünfte zum Einsatz. Sie sollen mehr Privatsphäre und Selbstständigkeit für die Bewohner*innen ermöglichen. Gemeinschaftsunterkünfte gibt es in vielen Bauformen, eine mögliche ist die sogenannte MUF (Modulare Unterkunft für Flüchtlinge), wie in der Albert-Kuntz-Straße.

Beim Tag der offenen Tür am 27.10. kamen die verschiedensten Leute, um sich die Unterkunft anzusehen. Sie kommen aus der Nachbarschaft und von weiter Weg, es kommen Eltern mit Kindern und ältere Damen, positiv Gestimmte genauso wie Skeptiker.

Was sie alle eint ist: Sie informieren sich. Sie wollen nicht den Gerüchten vertrauen, sondern schauen sich die Gebäude an, fragen konkret nach: Unter welchen Umständen wohnen die Geflüchteten? Wie viele werden es sein? Wie werden sie versorgt? Dürfen sie eigentlich auch woanders übernachten? Wie viel Geld bekommen sie pro Monat?

Und hunderte weitere Fragen, die geduldig von der zukünftigen Leitung der Unterkunft, von Vertretern des LAF und Mitarbeiter*innen vom Stadtteilzentrum des Mittendrin leben e.V. beantwortet werden.

Und fast alle, die nachfragen, haben mehr Verständnis als zuvor und bekommen teilweise sogar das Bedürfnis zu helfen. Denn so komfortabel und modern die Unterkunft auf einige auch wirkt – es ist eine Unterkunft für Menschen, die sich gezwungen sahen, ihre Heimat zu verlassen und nun versuchen, sich ein halbwegs geordnetes Leben in einer neuen Umgebung aufzubauen. Und es liegt in unserer Verantwortung, sie in unserer Nachbarschaft, unserer Stadt, in dem Land in dem wir leben, willkommen zu heißen.

Denn obwohl das Gebäude ziemlich grau ist, sollten es das Leben und der Alltag hier nicht sein.

Mehr Infos zu den Zahlen, verschiedenen Aufenthaltsarten und Leistungen gibt es auf den Seiten der Bundesregierung und des Landesamtes für Flüchtlingsangelegenheiten:

https://www.bundesregierung.de/Webs/Breg/DE/Themen/Fluechtlings-Asylpolitik/_node.html

https://www.berlin.de/laf/

 

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