Was für ein Schock

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Der US-Wahlkampf ist vorbei, Trump wird Präsident und keiner kann's fassen. Doch was erwartet uns jetzt?

Ein Kommentar von Lucas Niño.

Der amerikanische Traum? Ein sehr einfacher Mann arbeitet sich hoch, wird Milliardär und kandidiert als Präsident. Er setzt sich gegen Rivalen durch, droht laufend zu scheitern, ihm geht das Geld aus, Sponsoren wenden sich ab. Er wird von allen Seiten angegriffen. Aber am Ende schafft er es doch noch. Er erreicht das höchste Amt der USA. So sehen seine Anhänger das ganze vielleicht - auch wenn Milliardärssohn Trump natürlich weit davon entfernt ist, aus einfachen Verhältnissen zu kommen. Dank des Merheitswahlrechts – ja, auch dieses Mal hat wieder der Verlierer mehr Stimmen bekommen als der Gewinner – ist Donald Trump der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.

"Schlimme" Präsidenten sind nichts Neues

Das schlimmste Staatsoberhaupt aller Zeiten? Das peinlichste? Das gefährlichste? Gut, aber mit wem ist der Präsident der Vereinigten Staaten wohl vergleichbar… Erinnern wir uns an die Neunzigerjahre. Die Sowjetunion war zerfallen und der Gegenspieler Gorbatschows, Boris Jeltsin gewann die Wahl. Jeltsin war nicht nur der Chef der zweitmächtigsten Atommacht der Welt, sondern leider auch Alkoholiker. Na ja, zumindest war er dauernd bei öffentlichen Auftritten betrunken. Er dirigierte ungebeten ein Polizeiorchester in Berlin, schubste auf einem Kai eine Frau ins Meer, leerte gefühlt jedes Glas, das er jemals in die Hand bekam, und - das letzte jetzt leider nicht vor laufender Kamera - trommelte auf einem GUS-Gipfel dem Präsidenten von Kirgisistan mit zwei Löffeln auf seiner schönen, runden Glatze herum. Eine Tätlichkeit, die doch vielleicht noch viel herablassender ist als eine Beleidigung.

Ein Trump allein macht noch keine Politik

Nun hat Trump also noch Einiges in die Tat umzusetzen, um wirklich der schlimmste Präsident aller Zeiten zu werden. Doch was ist die Lehre daraus? Ob Jeltsin oder Trump - für einen nicht regierungsfähigen Präsidenten muss sein Kabinett das Regierungsgeschäft übernehmen. Auch in den USA ist der Präsident kein absolutistischer Herrscher. Der Kurs von einem Präsidenten, der offensichtlich eine sehr mangelhafte Sachkenntnis hat, wird in der nächsten Zeit maßgeblich von zwei Faktoren beeinflusst werden: Von neuen Schlüssen, die er zieht, nachdem er sich weitergehendes Wissen über Zusammenhänge in der Welt angeeignet hat, sowie den neuen Erfahrungen als Staatsoberhaupt. Von den Entscheidungen und Haltungen seiner Kabinettsmitglieder, Berater, sowie anderen politisch aktiven Persönlichkeiten, die auf ihn zugehen werden und von denen es auch in den USA natürlich reichlich gibt. Und genau da stellt sich mir wieder eine Frage: Warum haben plötzlich alle die, die früher immer behauptet haben, der Präsident sei doch sowieso nur eine Marionette der Konzerne, dieses Argument plötzlich vergessen? Jetzt wo es bei einem vermeintlich irren Präsidenten doch vielleicht sogar etwas Gutes wäre. Ich bin mir sicher: Hätte Hillary Clinton gewonnen, wäre der Präsident per se wieder eine Marionette gewesen… Na ja, aber noch mal zurück: die nahestehenden Personen. Wir haben hier tatsächlich eine sehr interessante Konstellation. Ich würde sogar vermuten, dass dieser Präsident kein Kandidat einer der großen Parteien war. Schließlich hat sich die republikanische Partei von ihm abgewandt. Interessanterweise auch viele der erzkonservativen Kräfte innerhalb dieser Partei. Real scheint dies allerdings eher zu bedeuten, dass sich seine Mannschaft aus einem Pool von wahrscheinlich wirklich radikalen oder gefährlichen Politikern zusammensetzen wird. Also von einem Visionär, na ja, nein, sagen wir einfach von jemandem, der vieles anders macht, kann auch unter diesem Aspekt wohl keine Rede sein…

Weiß er eigentlich selbst, was er will?

Aber wer genau ist Donald Trump überhaupt? Dieser neue Chef der zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt? Von den Medien porträtiert als dauerbrüllender, rassistischer, sexistischer Trottel, der allerhand unsinnige Forderungen stellt. So fürchten sich reihenweise Politiker nun, was genau Trump bewirken wird, sehen schon eine von mexikanischen Geldern gebaute Mauer, eine Auflösung der NATO und und und… Doch schauen wir uns das Ganze mal genauer an: Auffällig war doch, wie sein Ton nach der Wahl zum republikanischen Kandidaten auf einmal etwas mäßiger wurde und er nun nach seinem Sieg plötzlich keine einzige abfällige Äußerung mehr von sich gab und sich neben Obama als aufgeschlossener, versöhnlicher Typ gibt. Nun gut, ist ja auch erst drei Tage her. Schaut man sich Auftritte in ganzer Länge an, merkt man, dass er hier mal faktenerfindend hetzt, da mal besorgt und enttäuscht über Umstände in Deutschland lamentiert. Sein Twitterkommentar zu den Anti-Trump-Protesten nach der Wahl war auch sehr widersprüchlich. Kurzum sehen wir einen Politiker der nicht mit Meinungsäußerungen geizt, deren Meinung wir aber kaum benennen können. Nach der Wahl waren auf einmal zwei seiner härtesten Forderungen von seiner Website verschwunden. Und sobald er weiß, wer hinter ihm steht, wird er sich vielleicht noch wieder anders verhalten… Und trotzdem glauben nach wie vor Politiker, ihn zu kennen und nehmen jedes seiner Worte ernst. Ein großer Fehler meiner Meinung nach. Das Problem liegt wahrscheinlich ganz woanders. Ich würde eher vermuten, dass er die Bevölkerungsschicht, die er am meisten umwarb, zu gut verkörpert. Es mangelt ihm an Reflexion und Weltwissen, vielleicht berauscht durch seinen unternehmerischen Erfolg. Er sagt, was er fühlt, ohne zu bedenken, wie andere ihn einschätzen können oder welche gefährliche Stimmung er in seinem Land vielleicht verbreitet. Doch auch ich bin kein Trump-Experte und fand nur, dass sich auf diese Theorie sehr viele Hinweise finden lassen. Wird Trump Amerika also ein cholerischer, volksnaher aber regierungsferner Landesvater sein? Oder hat er die Tür des weißen Hauses für rechte Kräfte geöffnet, vor denen wir uns noch nicht einmal zu fürchten wagten? Wir werden es erst im Laufe der Zeit sehen. Aber seien wir froh, dass wir im Zeitalter der Globalisierung leben und dass kaum noch ein Land Alleingänge wie vor dem zweiten Weltkrieg wagen kann.

Am 8. November wurde in den USA ein neuer Präsident für die nächsten vier Jahre gewählt. Dabei gewann der Republikaner Donald Trump knapp vor der Demokratin Hillary Clinton.

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