Ein Mädchen verschwindet

Amy Gentry beschreibt in ihrem spannenden Thriller „Good as Gone" das Schicksal einer Familie, die durch ein grausames Ereignis vollkommen aus der Bahn geworfen wird.

VON FRIEDERIKE

Anna Davalos und Tom Whitaker verlieren ihre Tochter Julie, die aus ihrem Haus entführt wird, als sie gerade mal 13 Jahre alt ist. Die Einzige, die etwas davon mitbekommt, ist ihre zehnjährige Schwester Jane. Als Julie gewaltsam entführt wird, ist sie wie gelähmt und versteckt sich auf ein Zeichen ihrer Schwester im Schrank.

Die Familie geht sehr unterschiedlich mit dem Verlust um: Tom beginnt, eifrig nach Julie zu suchen, unterstützt die Polizei bei ihren Ermittlungen, geht zu Selbsthilfegruppen und verwandelt Julies Kinderzimmer in eine Verwaltungszentrale für alle Maßnahmen zum Auffinden seiner Tochter. Anna allerdings, aus deren Sicht das Buch hauptsächlich geschrieben ist, erleidet einen Zusammenbruch. Nachdem die Professorin zu Beginn ihren Mann unterstützt hat, verfällt sie kurzzeitig dem Alkohol, klinkt sich aus der Suche nach ihrer Tochter vollkommen aus und verlangt nur noch Julies Körper, um ihn zu bestatten.  Darum wendet sich ihre zweite Tochter Jane von ihr ab. Je abweisender sie sich ihrer Mutter gegenüber verhält, desto vernarrter ist sie jedoch in ihren Vater, mit dem sie lebhafte Gespräche führt, während sie Anna eher einsilbig und monoton antwortet. Das Ereignis treibt das Ehepaar durch ihre unterschiedlichen Herangehensweisen immer weiter auseinander.

 

Eine Fremde kehrt zurück

Nach acht Jahren kehrt die verschollene Tochter zurück. Ausgelaugt steht sie eines Abends auf der Veranda und bricht in den Armen ihrer Mutter zusammen. So beginnt die ganze Prozedur der Ermittlung von neuem. Tom, der in der Beziehung wie es scheint eher den gefühlvolleren Part übernimmt, sieht sich in dieser Zeit nicht in der Lage, seine Tochter zu Befragungen und Untersuchungen zu begleiten. Diese erhält im Gegenzug Unterstützung von Anna, die erschüttert dem zuhört, was der Entführten widerfahren ist. Sie erzählt von einer Verschleppung über Landesgrenzen und wie sie von einem an den nächsten Menschenhändlerring verkauft wurde, von Vergewaltigung und wie sie im Endeffekt ihren Peinigern zu alt wurde und nach Hause kam. Dass sie nun wieder zurück ist, schweißt die Familie zusammen. Die Eltern nähern sich an, Anna beginnt, eine Beziehung zu Jane aufzubauen, die mittlerweile 18 ist und aufs College geht und auch sonst sind die Spannung und Trauer, die auf dem Haus lagen, wie weggewischt.
 

Zweifel kommen auf

Zumindest für den Moment, denn es taucht der Privatdetektiv Alex Mercado auf, der sich als ehemaliger Ermittler in Julies Fall entpuppt. Anfangs nur zögernd tritt Anna, zu der er als Einzige Kontakt aufnimmt, ihm entgegen und hört ihn an. Mr. Mercado stellt Julies Rückkehr infrage und zeigt Unstimmigkeiten in Julies Geschichte auf, die auf den zweiten Blick sehr unglaubwürdig wirkt. Er konfrontiert die Mutter außerdem mit einem Leichenfund, der genau in die Zeit der Entführung fällt und bei dem es sich um ein 13-jähriges Mädchen handelt. Damit verunsichert er Anna, die beginnt, an dem Menschen zu zweifeln, der ihr in der letzten Zeit so viel Freude beschert hat. In geheimer Zusammenarbeit mit dem Detektiv beschattet sie ihre vermeintliche Tochter, um herauszufinden, was in den acht Jahren wirklich geschehen ist. Ihre persönliche Ermittlung und die Mr. Mercados bringen mysteriöse andere Mädchen ans Licht, die „Julie" stark ähneln und obgleich Anna Davalos hofft, dass Julie ihre verschollene Tochter ist, beginnt sie skeptisch zu werden:

Wer ist da in Wirklichkeit in ihre Familie zurückgekehrt? Eine zerstreute Julie oder vielleicht tatsächlich eine vollkommen Fremde?

Ein fesselndes Werk

Amy Gentry hatte mich von Anfang bis Ende in ihren Händen. Sie weiß sich in verschiedene Perspektiven zu versetzen und kann jeden Charakter überzeugend und realistisch darstellen. Einerseits ist da der Prolog, der aus der Sicht der unschuldigen, sich im Schrank versteckenden Zehnjährigen geschrieben ist. Man ist selbst versucht, ganz leise die Seiten umzublättern, um ja kein Geräusch zu machen. Andererseits schreibt sie aus der Sicht der verzweifelten Mutter, die nach außen tough und gefasst wirkt, aber innerlich ein Wrack ist.

Außerdem bringen diese Perspektivwechsel auch andere Ansichten mit sich: während Anna bei Befragungen an den Lippen ihrer Tochter hängt, die von unfassbaren Ereignissen berichtet, stellt beispielsweise Alex Mercado den Fall eher trocken und durchsichtig dar, was mir geholfen hat, auf dem Damm zu bleiben und mich nicht in dubiosen Theorien zu verlaufen.

Gentry schreibt schlau und aufregend und schafft es, den Leser auch nach der letzten Seite noch zu beschäftigen. Auch wenn keine fundamentalen Fragen offen bleiben, lässt die Autorin es zu, dass man gedanklich ergänzen kann und mitdenken muss. Gleiches tut sie mit den besonders „schlimmen" Szenen. Wird eine Vergewaltigung beschrieben oder kommt es zu einem gewaltsamen Übergriff, weiß sie genau, was und wie es beschrieben werden muss, um den Ernst der Lage realistisch zu schildern. Sie weiß aber auch, wo sie genauere Informationen aussparen kann, sodass es nicht in ein blutiges Szenario ausartet.

„Good as Gone" beschreibt realitätsnah, lässt einen an Identitäten zweifeln und zeigt auf sehr eindrückliche Weise, dass nicht immer alles so ist, wie es scheint.

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