Psychoterror im RTL-Dschungel

am 11.01.2019
Teilen

Jahr für Jahr sucht RTL im Januar jetzt schon zum 13. Mal den neuen Dschungelkönig beziehungsweise die neue Dschungelkönigin. Und auch, wenn alle immer abstreiten, es schauen zu würden, liegt der Marktanteil in der Zielgruppe zwischen 14 bis 49 Jahren immer bei um die 40%. Doch die Sendung, die bei der ersten Staffel 2004 vom SWR als "Ekel-Fernsehen" betitelt wurde, ist erstaunlich clever produziert. Denn das wir jeden Tag wieder um 22:15 Uhr vor dem Fernseher hocken, hat ein paar ganz einfache psychologische Tricks.

Ich habe in den folgenden 3 Punkten das Camp aus dem australischen Dschungel für euch analysiert.

Punkt 1: Der Wahnsinnshype

Das Dschungelcamp ist überall. Es ruft jedes Jahr aufs Neue einen erstaunlichen Hype hervor. Sogar bei Journalisten*innen. Das Boulevard-Blatt BILD hat sogar eine eigene Kategorie auf ihrer Website, unter der alle News aus dem australischen Dschungel direkt zu finden sind. Außerdem wurde direkt eine große Enthüllungsserie gestartet, für die sogar in Berlin Plakatwerbung gemacht wird (Natürlich nur mit BILD + Abo für 7,99€ im Monat abrufbar). RTL hat übrigens im Nachhinein den gesamten Fragenkatalog online gestellt.

Schließlich lässt sich mithilfe der C- und D-Promis Wahnsinns-Klicks machen, die letztendlich wieder absolut wichtig für die Werbeeinnahmen der Zeitungen sind. Rund 6 Millionen Menschen schauen jedes Jahr "Ich bin ein Star - holt mich hier raus". Aber auch die Medien, die nicht auf dem Zeitungsboulevard zu finden sind, wollen etwas vom Klick-Kuchen abhaben. Sie veröffentlichen ebenfalls Artikel zum Dschungelcamp (so wie wir), tarnen diese dann aber mit einem medienkritischen Unterton.

Die Medienwissenschaftlerin Prof. Joan Bleicher sagte dazu gegenüber dem Jugendmagazin VICE: „Die Sendung wird als Event konstruiert. Schon Wochen vor der Show gibt es eine riesige Vorberichterstattung in allen Medien, wer die neuen Kandidaten sind und was sich zwischen ihnen möglicherweise für Skandale anbahnen“. In allen möglichen RTL-Sendungen wie "Punkt 12 - das RTL-Mittagsjournal", "Explosiv - Das Magazin", "Exclusiv - Das Starmagazin", "RTL Aktuell" und vielen weiteren wird die Sendung verarbeitet. Dies sorgt dafür, das der Hype um "Ich bin ein Star" weiter künstlich aufgeblasen wird.

Punkt 2: Voyeurismus und Sadismus

Ein wichtiger Punkt ist auch der natürliche Voyeurismus und Sadismus eines Menschen. Wir interessieren uns prinzipiell für alles in unserer Umgebung und wenn Prominente daran beteiligt sind, gefällt uns das noch umso mehr. Durch die Prominenten funktioniert das Camp noch besser. Mit einmal können sich die zuschauenden Menschen denjenigen gegenüber überlegen fühlen, denen sie sonst immer aufgrund von fehlender Aufmerksamkeit oder Macht unterlegen waren. Das hebt den eigenen Selbstwert (und ist nebenbei auch der Grund für den Erfolg von Reality-Soaps wie „Mitten im Leben“ oder „Betrugsfälle“).

Der*die Zuschauer*in kann die Kandidat*innen leiden sehen, wenn sie gerade dabei sind, durch Plexiglas-Kästen voller Kakerlaken zum nächsten Stern zu kriechen. Es macht halt auch einfach Spaß! Für nur 0,50€ können die Menschen von daheim, umringt von Cola und Chips, bestimmen, welcher Promi als nächstes Schafshoden essen oder Schweineblut trinken soll. Mit Emotionen lässt sich halt immer punkten. Und bei den Zuschauenden „Ekel“ hervorzurufen, ist um einiges einfacher, als Tränen oder Wut zu erzeugen.

Punkt 3: Drama, Drama, Drama

Auffällig ist jedes Jahr aufs Neue, wer beim Dschungelcamp dabei ist. Fast die Hälfte der Stars wurden durch eine andere RTL-Sendung "berühmt". In Sendungen wie „Bachelor“ oder „Bachlorette“ oder das "Sommerhaus der Stars" werden die Prominenten zunächst hochgezüchtet, nur um anschließend im Dschungelcamp zu Grabe getragen zu werden. Die Kabarettistin Lisa Fitz hat zum Beispiel durch ihre Teilnahme bei „Ich bin ein Star - holt mich hier raus“ ihre Sendung beim Saarländischen Rundfunk verloren.

Doch die Auswahl ist nicht zufällig. Fast jedes Jahr aufs Neue sind die Rollen der Kandidat*innen ähnlich. Es gibt den „Wahnsinnigen“, der im Dschungel irgendwie ein wenig wie am falschen Ort erscheint. Dieses Jahr scheint das auf Chris Töpperwien (44) zuzutreffen. Er sagte im Interview, dass er einen absoluten Sauberkeitsfimmel habe. Zwischen Schlangen und Maden sei bei ihm der Super-Gau vorbereitet.

Außerdem gibt es die „Camp-Mutti“, die gerne die Gruppe anführt und mehr oder weniger versucht, alle zusammenzuhalten. Das wird in diesem Jahr wohl auf die Bob-Olympiasiegerin Sandra Kiriasis (43) zutreffen. Sie ist ehemalige Sportsoldatin und sieht sich im Hinblick auf das Camp als Mutter der Kompanie.

Der durch die RTL-Sendung "Bachlorette" bekannt gewordene Domenico de Cicco (35)zählt zu den Vernünftigen im Camp. Er hat sich im Vorfeld bereits mit dem Essen von Maden aus dem Angelshop vorbereitet.

Absolut unerlässlich für den Medienhype um die Sendung ist die Person für die BILD-Titelseite. Sie ist am besten eine Frau und scheut sich nicht davor, Skandale zu provozieren: Leila Lowfire (26)ist im Vorfeld bereits mit freizügigen Aktionen aufgefallen. Der erste Skandal, auf dem sich die Boulevard-Medien kurz nach dem Beginn der neuen Staffel von „Ich bin ein Star - holt mich hier raus“ stürzen werden, ist also vorprogrammiert.

Und zum Abschluss fehlt dann nur noch die Person, die eigentlich niemand kennt, aber trotzdem absolut wichtig für die Dramaturgie der Sendung ist: Gisele Oppermann (31). Sie landete 2008 bei der Casting-Show "Germanys next Topmodel" auf dem 6. Platz und ist nikotinabhängig. Ihre größte Sorge verriet sie bereits vorab in einem Interview: Wenn ihr die Zigaretten weggenommen werden - und das wird früher oder später passieren, war zumindest in den vergangenen Jahren bei DSDS-Star Daniele Negroni so - wird sie schon bei einem falschen Blick aus der Haut fahren.

Diese Beispiele zeigen also, dass die Kandidat*innen von den Produzenten mit einem faszinierenden Kalkül ausgewählt worden sind. Es soll eine explosive Mischung entstehen, natürlich von den Kameras begleitet. Der Chefproduzent vom Dschungelcamp, Markus Küttner, bezeichnete nicht umsonst die Sendung „Ich bin ein Star - holt mich hier raus“ als „soziales Experiment“.

Kommen wir nun zum Fazit. Das Dschungelcamp ist gut durchdacht, aufwendig produziert, alles in allem also eine ziemlich gute Sendung. Im Sinne der journalistischen Neutralität möchte ich aber noch einmal den moralischen Zeigefinger heben. Bei den Dschungelprüfungen handelt es sich um Tierquälerei, nicht umsonst hat PETA die Sendung gerügt. Das Moderatoren*innen-Duo gibt bissige Kommentare ab und auch der psychologische Terror, den RTL durch die Kamera-Dauerüberwachung auf die Teilnehmenden ausübt, ist eindeutig zu verurteilen. Denn obwohl RTL die Teilnehmer*innen zu Prominenten hochstilisiert hat: Es handelt sich hierbei immer noch um Menschen!

Ab heute werden wir das Dschungelcamp die nächsten zwei Wochen für euch verfolgen und selbstverständlich mit gewohnt kritischem Blick analysieren. Folgt uns auf Instagram, Twitter und Facebook um nichts zu verpassen!

Bitte keinen kompletten Klarnamen verwenden.