FILM FEEDBACK: Folge 17

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am 12.08.2019
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Aktuell: Der König der Löwen (US 2019, R: Jon Favreau, FSK 6)

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Disney hat es wieder getan und einen seiner Zeichentrick Klassiker neu aufgelegt. KÖNIG DER LÖWEN reiht sich ein in eine Folge von "Neuverfilmungen", die den Ansatz haben, Zeichentrickcharaktere möglichst real, also wie im echten Leben abzubilden. Bei so viel Computerarbeit stellt sich jedoch unweigerlich die Frage, ob „Realverfilmung“ überhaupt die richtige Bezeichnung für den neuen KÖNIG DER LÖWEN ist.

Es gibt viele verschiedene Meinungen und Ansichten zur Neuverfilmung des KÖNIG DER LÖWEN und auch ich bin mir noch unsicher, was ich vom Remake halten soll. DER KÖNIG DER LÖWEN ist ein Film, der von so vielen Menschen geliebt wird, dass man sich bereits zu Beginn fragt, ob man denn eigentlich nur enttäuscht werden kann. Ich persönlich muss zudem auch sagen, dass ich den ganzen Hype der Neuverfilmungen alter Disney Klassiker eh nicht so ganz nachvollziehen kann. Die Filme sind doch gut, so wie sie sind. Warum muss man sie dann neu verfilmen und ihnen somit ihrem Charme berauben. Reine Geldmache? Ist es das, was dahinter steckt? Aber mit dieser Frage möchte ich mich gar nicht weiter auseinandersetzten, denn ich bin hier, um euch meine Meinung zum „neuen“ KÖNIG DER LÖWEN mitzuteilen.

Eine Kritik, die ich sehr häufig gehört habe, bezieht sich auf die Mimik und Ausdruckweise der animierten Löwen, die bei vielen scheinbar auf Unmut trifft. Kritikpunkt ist hierbei die fehlende Mimik, welche die Löwen häufig gelangweilt, unmotiviert oder gleichgültig erscheinen lassen. Was man allerdings nicht vergessen sollte ist, dass die Löwen des 1994 erschienenen Originals Zeichnungen waren, denen man ganz einfach menschliche Züge geben konnte. In der Live-Action-Verfilmung wird der Fokus jedoch auf Authentizität gelegt. Die Löwen, die im Film zu sehen sind, sollen so nah wie möglich an der Realität sein und in der realen Welt zeigen Löwen nun mal keine menschliche Mimik. Zudem wäre es doch auch etwas seltsam einen realistischen Löwen zu sehen, der dann extreme Gesichtsausdrücke und Emotionen zeigt, oder nicht? Jedoch muss auch ich sagen, dass mir zeitweilig ein wenig Emotion gefehlt hat. Ich bin allerdings der Meinung dass dies durch die Imagination der Zuschauer*innen durchaus wett gemacht werden kann. Die Zuschauenden müssen oder sollen eben die Emotionen in den Charakter hineinprojizieren.
Ich muss auch sagen, dass durch den Realitätsanspruch des Films der Gesang oder die Gespräche in meinem Kopf teilweise nicht mit dem Bild zusammenpassten. Ich hörte den Gesang und empfand ihn für gut, sowie ich das Bild sah und es für gut empfand. Zusammen, als audiovisuelle Erfahrung, wirkte es jedoch etwas merkwürdig und abstrakt. Mein Kopf konnte die menschlichen Stimmen nicht mit den Mundbewegungen und der Mimik des Löwen zusammen bringen, was bei solch realistisch anmutenden Tieren, jedoch auch nachvollziehbar erscheint. Deswegen würde ich auch sagen, dass mich die fehlende Mimik auf Grund der verschiedenen technischen Komponenten und Herangehensweisen an den Film, nicht allzu sehr gestört hat.

Ein weiterer Kritikpunkt am Remake ist die scheinbare Unkreativität, mit der der neue Film produziert wurde. Einigen Aussagen und Kritiken auf Letterboxd zufolge ist der Film nur ein billiger Abklatsch des 1994er Originals, der gleiche Film nur eben in schlecht. Ein Film ohne Seele, der all seine Disney Magie verloren hat.

Ich muss zugeben, dass ich das Original seit längerem nicht mehr gesehen habe und mir deswegen der direkte Vergleich etwas schwer fällt, aber vielleicht ist das auch gar nicht so schlecht. Ich bewerte den Film als das was er ist: ein Film mit Realitätsanspruch, eine Geschichte über einen kleinen Löwen, der seinen Vater verliert (war das jetzt ein Spoiler?).

Stellt man das Original und das Remake direkt nebeneinander, so ist klar, dass vielen Menschen die neue Version nicht zusagen wird, weil sie von dem Original so begeistert sind. Wenn man bereits mit einer kritischen Sichtweise oder hohen Ansprüchen ins Kino geht, kann man schnell enttäuscht werden. Zudem bin ich weiterhin der Meinung, dass man auf Grund der fortgeschrittenen Technik nicht die gleichen Ansprüche an einen Zeichentrickfilm und an einen Film stellen kann, der seinen Fokus auf eine realitätsnahe Computeranimation legt. Man kann von einem Film mit Realitätsanspruch nun mal nicht die gleiche Farbintensität und Ausdrucksstärke erwarten, denn dann würde der Film wieder unrealistisch(er) werden. Ein Zeichentrickfilm hat keinen Anspruch die Realität authentisch wiederzugeben. Ich glaube das Problem ist einfach, dass viele Menschen diesen Film so sehr lieben und er einen ganz besonderen Platz in ihren Herzen hat, dass sie mit der neuen Version nichts anfangen können. Ich kann verstehen, dass wenn man die Filme detailliert miteinander vergleicht, der neue Film schlichtweg wie eine Kopie, ein unkreatives Remake erscheint und es sich wie fades, wieder aufgewärmtes Essen anfühlt. Allerdings stellt sich die Frage, wie die neue, junge Generation, die das Original von 1994 nicht kennt, diesen Film auffasst. Fühlen sie sich wie wir uns damals gefühlt haben? Ja, Disney macht durch die Neuverfilmungen eine Menge Geld und die Relevanz dieser Neuverfilmungen stelle ich auch immer noch etwas in Frage, aber im Endeffekt werden diese Filme nicht für das Publikum gemacht, welches die Filme bereits kennt. Sie werden für die neuen Generationen gemacht, damit diese Disneys Meisterwerke mit angepasster Technologie genießen können. Ich bezweifle, dass meine Schwestern sich das 1994ger Original anschauen würden, nur weil ich ihnen versichere, dass der Film wirklich gut ist. Für sie sind teilweise Filme aus 2013 schon „alt“. Außerdem sollte neben all dieser Kritik nicht vergessen werden, dass sich bezüglich der Besetzung einige Dinge verbessert haben. Während im Original hauptsächlich weiße und gerade einmal vier African-American Sprecher zu hören sind, ist der Cast im aktuellen Film wesentlich diverser, mit gerade einmal drei weißen Schauspielern im Hauptcast (Timon, Pumba und Zazu). Diese Aussage trifft zwar nur auf die englische Besetzung zu, jedoch spricht im Allgemeinen niemand über diese Tatsache, weil sich lieber über all die Fehler aufgeregt wird, als die positive Komponente wertzuschätzen.

Mein Fazit zum neuen KÖNIG DER LÖWEN ist also, dass ich den Film gar nicht so schlecht fand. Wenn man dem Film eine Chance gibt und unvoreingenommen ins Kino geht, kann man trotzdem einen guten Abend verleben und kleinen süßen animierten Löwen Babys beim Spielen zusehen, sowie super schöne Computer Landschaften betrachten. DER KÖNIG DER LÖWEN ist nicht herausragend, aber meiner Meinung nach nichtsdestrotrotz ein guter Film. Informiert euch einfach selbst, was dem Remake alles vorgeworfen wird und entscheidet dann, ob ihr euch den Film anschauen wollt oder nicht. Wenn ihr ein Disney Meisterwerk wie aus alten Tagen erwartet, werdet ihr wahrscheinlich enttäuscht werden. Wenn ihr allerdings tolle Animationen bestaunen und Beyoncé „Can you feel the love tonight“ in der englischen Originalfassung des Films singen hören wollt, dann gebt euch einen Ruck und versucht offen auf den Film zu reagieren.  

Klassiker: Hier ist John Doe (US 1941, R: Frank Capra, FSK 6)

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HIER IST JOHN DOE von Frank Capra ist ein Klassiker, der jedoch wahrscheinlich von nur wenigen jungen Menschen gesehen wurde. Dabei strahlt HIER IST JOHN DOE durch sein Erscheinungsjahr 1941 einen ganz eigenen Schwarz-Weiß Charme aus. Vielleicht liegt es an meiner Liebe zum Film, aber ich schaue mir ab und zu ganz gerne mal einen alten Schwarz-Weiß-Film an. Ich finde es interessant zu sehen, wie sich unsere Sehgewohnheiten und die Inszenierungsweisen verändert haben. Und obwohl der Film bereits fast 80 Jahre alt ist, gab es bereits damals schon Vorwürfe einer „Lügenpresse“. Zwar wurde dieser Begriff erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts, besonders in Deutschland, durch Rechtspopulist*innen populär, jedoch ist das Phänomen in abgewandelter Form bereits in diesem Film zu betrachten. Am Ende des Films glaubt der Schwindler sogar an seine eigenen Lügen.

HIER IST JOHN DOE erzählt von einem erfundenen Durchschnittsmenschen, der sich gegen soziale Ungerechtigkeiten auflehnt.
Die Kolumnistin Ann Mitchell (Barbara Stanwyck) arbeitet bei der Tageszeitung New Bulletin, bei der aufgrund des neuen Eigentümers vermehrt Angestellte entlassen werden sollen, um Kosten einzusparen. Als Ann erfährt, dass ihr gekündigt wurde, schreibt sie aus Wut und als eine Art letzter Artikel einen fiktiven Leserbrief, den sie mit dem Namen John Doe unterschreibt. In dem besagten Leserbrief beschwert sich der fiktive John Doe über sozialen Missstände in den USA und gibt an, sich am Weihnachtsabend als eine Art Symboltat vom Rathaus in den Tod zu stürzen. Schnell wird der Brief zum Gespräch der Stadt und Ann kann die New Bulletin davon überzeugen sie doch wieder einzustellen. Die Geschichte John Does kommt bei der Leserschaft der Stadt so gut an, dass sie beschließen weiterhin über den stillen Helden zu berichten. Da es sich bei John Doe jedoch um einen fiktiven Charakter handelt, begeben sich die Zeitungsmacher*innen auf die Suche nach einer realen Person, die John Doe verkörpern könnte. Der ehemalige Baseballspieler Long John Willoughby (Gary Cooper) soll die Rolle übernehmen und wird bald zum Helden einer ganzen politischen Bewegung. Doch der angehende Präsidentschaftskandidat Norton hat ganz eigene Pläne, wie sich die Popularität des John Doe nutzen lässt. Im Grunde handelt der Film davon, wie ein Niemand zu einer medialen Berühmtheit wird, was ein wenig paradox erscheint, wenn man bedenkt, dass John Doe von der Hollywood Größe Gary Cooper verkörpert wird.

Auf Grund seines fortgeschrittenen Alters, gibt es in HIER IST JOHN DOE  einige Jump Cuts (das habe ich bereits hier erklärt:) zu sehen. Das liegt an der damals noch nicht so ausgereiften Schnitttechnik, die zur Folge hat, dass die Übergänge teilweise etwas holprig und offensichtlich sind. Jedoch besitzt der Film neben einer ernsten Botschaft, ebenfalls ein gewisses Maß an Komik, beispielsweise zu Beginn des Films. In dieser Szene sitzt ein Maler vor einer Bürotür und soll den Namen an diese schreiben bzw. mit Farbe malen. Es braucht jedoch etliche Anläufe bis es schließlich klappt, da er immer wieder aus verschiedenen Gründen abrutscht und von vorne beginnen muss. Am Ende der Szene wird sogar die Scheibe mit dem fertiggeschriebenen Namen zerschmissen, wodurch seine Arbeit komplett hinfällig ist.

Darüber hinaus reflektiert der Film über viele verschiedene Medien, wie die Zeitung oder das Radio. Die eigene Kunstform, das Medium Film bezieht HIER IST JOHN DOE in diese Reflektion jedoch nicht mit ein. Außerdem spielt der Film mit dem titelgebenden Namen John Doe. Für euch ist der Name John Doe wahrscheinlich nichts Besonderes oder löst keinerlei Assoziationen aus. Der Name ist aber mit Bedacht und Intention gewählt. So steht John Doe in den Vereinigten Staaten für eine fiktive oder nicht identifizierte Person, beziehungsweise wird als Platzhaltername, ähnlich zum deutschen Max Mustermann, verwendet. John Doe ist demzufolge allein durch seinen Namen bereits ein Niemand, ein Mann wie jeder andere, dem zunächst keinerlei Wert oder Besonderheit zukommt.

Abschließend möchte ich sagen, dass HIER IST JOHN DOE ein toller klassischer Film ist, der die Zuschauer*innen zum Nachdenken anregen kann. Wie jeder Film hat auch Capras Werk sowohl Höhen und Tiefen. Ich muss allerdings sagen, dass er mir nach dem zweiten Mal sogar noch ein kleines bisschen besser gefallen hat.  

Wessen Interesse ich jetzt geweckt habe, dem kann ich sagen, dass es den gesamten Film gibt online auf Youtube unter:

Verrückt: Van Gogh – An der Schwelle der Ewigkeit (US/F 2018, R: Julian Schnabel, FSK 6)

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VAN GOGH - AN DER SCHWELLE DER EWIGKEIT fällt nicht unter die klassische Definition des Wortes "verrückt". Ich sehe in dem Film jedoch Ansätze experimentalistischen Filmens, wodurch er mit außergewöhnlichen Einstellungen aus der Masse der Kinofilme heraussticht. Es ist ein eher künstlerischer und cinephiler Film, der wohl nicht allen Kinogänger*innen zusagt. Genau aus diesem Grund fällt er für mich unter die Kategorie „verrückt“. AN DER SCHWELLE ZUR EWIGKEIT ist "anders" als die Filme, die man sonst so im Kino sehen kann.

Wie der Titel bereits andeutet, erzählt der Film die Geschichte des damals noch unbekannten niederländischen Malers und Zeichners Vincent van Gogh: Der 35-jährige Vincent van Gogh, gespielt von Willem Dafoe, der für diese Darbietung eine Oscar Nominierung erhielt, hat trotz einer großen Anzahl an Gemälden keinen Erfolg mit seiner Kunst. Zudem leidet er unter starken psychischen Problemen und verspürt dauerhaft einen intensiven Weltschmerz, der sein alltägliches Leben beeinflusst. Durch seinen ausbleibenden Erfolg und um dem eigenen Druck zu entfliehen, zieht er vom urbanen Paris in ein kleines Dorf namens Arles im Süden Frankreichs. Dort will er zur Ruhe kommen und die schöne Natur mit seinen Pinseln auf der Leinwand verewigen. Niemand scheint den oft deprimierten und in sich gekehrten Maler zu verstehen und unterstützen zu wollen. Der einzige Mensch, der weiterhin an Vincent glaubt, ist sein Bruder und Kunsthändler Theo (Rupert Friend), der ihm nach seinen besten Möglichkeiten hilft. Wenn ihn nicht gerade der befreundete Maler Paul Gauguin (Oscar Isaac) besucht, ist Vincent Van Gogh meist allein mit sich selbst, seinen unberechenbaren Stimmungsschwankungen und den mentalen Dämonen, die ihn immer weiter in den Wahnsinn treiben, bis er 1890 unter rätselhaften Umständen stirbt.

AN DER SCHWELLE DER EWIGKEIT ist ein biografisches Drama über das Leben und die letzten Jahre des heute berühmten Vincent van Goghs. Der Filmtitel bezieht sich auf ein Ölgemälde des niederländischen Künstlers. Der Film ist mir besonders durch die bereits erwähnten künstlerischen Einstellungen und seine harmonische Musik im Gedächtnis geblieben. Durch diese audiovisuelle Kombination erkennt man Van Goghs Sicht auf die Welt, sowohl in guten, als auch in schlechten Zeiten. Man sieht die Welt häufig durch seine Augen. Das bedeutet, dass der Film durch Point of View - Einstellungen Van Goghs den Zuschauer*innen Vincents Weltanschauung näher bringt. Auch das Voice Over seiner Stimme trägt zu dieser subjektiven Sicht bei. Natürlich ist die Inszenierung der Bilder eine Interpretation des Regisseurs, da man Van Gogh nicht selbst fragen kann, ob die Kinobilder authentisch sind und mit der Weise übereinstimmen, wie er die Welt damals wahrgenommen hat. Jedoch erscheint die Inszenierung gelungen und der künstlerische Gehalt des Films, der so zur Geltung kommt, ist definitiv beeindruckend. Wenn man über den Film AN DER SCHWELLE ZUR EWIGKEIT spricht, kommt man am künstlerischen Faktor gar nicht vorbei. Der künstlerische Faktor des Films kommt jedoch nicht nur durch die Bilder, sondern auch durch die harmonische Musik, beziehungsweise durch das Ausbleiben einer solchen, zur Geltung. Häufig ist der Film recht still. So gibt es Abschnitte in denen nur sehr wenig oder gar keine Gespräche stattfinden. In diesen Momenten sieht man zum Beispiel Van Goghs Füße, wie er durch ein Feld läuft, unterlegt mit ruhiger Musik und den Geräuschen seines Atmens.

Der Film über einen Künstler, der mit Pinsel und Farbe Kunstwerke erschuf, meistert es den Zuschauenden nicht nur das späte Leben Vincent Van Goghs näher zu bringen, sondern in seiner eigenen Kunstform ein Stück Kunst zu erschaffen. Er setzt auf die Bild- und Ton-Gewalt des Mediums Film und reduziert somit die narrative Komponente, die in vielen Filmen vorherrscht. Der Film gibt der Musik viel Raum sich zu entfalten und den Zuschauer*innen die Möglichkeit vollkommen in die Stimmung und Weltsicht Van Goghs einzutauchen. Wer bei diesem Film eine starke Narration erwartet, der dem Publikum jede Kleinigkeit auf dem Silbertablett serviert, wird enttäuscht werden. Wer sich jedoch auf die Kunst und paradoxe Harmonie dieses Films einlässt, wird mit diesem Film sehr viel Spaß haben.

Allgemein: All my loving (D 2019, R: Edward Berger, FSK 12)

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Der Film ALL MY LOVING erzählt in episodischer Struktur die Geschichten dreier Geschwister, die alle parallel stattfinden und verschiedene Problematiken thematisieren. Die Hauptrollen spielen Lars Eidinger (Stefan), Nele Mueller-Stöfen (Julia) und Hans Löw (Tobias). Alle drei sind an einem Wendepunkt ihres Lebens angekommen und müssen erkennen, dass ihr Leben so nicht weiterlaufen kann. Stefan ist Pilot, besitzt schnelle Autos, eine große Wohnung und hat viele Geliebte. Als er jedoch zunehmend sein Gehör verliert, muss er einsehen, dass seine Erkrankung nicht vom vielen Stress herrührt und mit Ruhe kuriert werden kann, sondern dass er seinen geliebten Job aufgeben muss. Weil er dies zunächst nicht wahrhaben will, gibt er vor, beispielsweise seiner Tochter gegenüber, weiterhin Flüge zu "leiten" und reißt in seiner Pilotuniform Frauen in Hotelbars auf.
Julia und ihr Mann Christian (Godehard Giese) fahren gemeinsam in den Urlaub nach Turin, wo eines Abends ein Straßenhund angefahren wird. Julia will den Hund nicht sterben lassen und kümmert sich zunächst liebevoll um die Genesung des Hundes. Als der Hund wieder gesund ist, dreht sich ihr gesamter Tagesablauf nur noch um diesen Hund, weswegen die Situation schließlich bei einem gemeinsamen Abendessen mit einem befreundeten Paar eskaliert.
Tobias ist Hausmann, der sich um die drei Kinder kümmert und mit 30 immer noch studiert, während seine Frau Maren (Franziska Hartmann) für den finanziellen Unterhalt der Familie Verantwortung trägt. Als jedoch sein Vater (Manfred Zapatka) erkrankt, der bisherige Pfleger kündigt und keiner seiner Geschwister die Zeit aufbringen kann, zu den Eltern zu fahren um sich um den Vater zu kümmern, fährt Tobias zu seinen Eltern aufs Land. Dort ist seine Mutter gerade dabei mit Hilfe einiger Handwerker das Bad zu renovieren, während sein Vater trotz Herzproblemen und Schmerzen in den Beinen sich stur stellt und sich weigert ins Krankenhaus zu fahren.

Der Film erzählt in emotionaler und mitreißender Weise von den Problemen der drei Geschwister. Alle drei Episoden finden parallel statt, werden jedoch nacheinander erzählt. Somit springt man nicht innerhalb der Handlungsstränge, sondern kann sich auf die Figuren konzentrieren und ihren Geschichten folgen, bevor sich der nächsten Geschichte zugewandt wird. Jede Geschichte eines Geschwisterteils beginnt zudem mehr oder weniger positiv, spitzt sich jedoch zu und endet immer, nennen wir es mal, sehr emotional. Dabei stellt die zweite Episode, die Geschichte von Julia, für mich persönlich den größten emotionalen Wandel (Spannbreite) dar. Ohne spoilern zu wollen, kann ich sagen, dass ich am Ende der Episode emotional sehr mitgenommen war. Denn ihre exzessive Fürsorge gegenüber des Hundes wird "logisch" erklärt und begründet.
Es sollte zudem noch gesagt sein, dass es zu Beginn und als Abschluss des Films so etwas wie einen Prolog und einen Epilog gibt, der zu den drei Geschichten hinführt und sie miteinander verbindet. Im Prolog und Epilog kommt die Familie aus verschiedenen Gründen zusammen, die besonders für den Epilog nicht genannt werden, um die Spannung und Emotionalität der Sequenzen nicht vorwegzunehmen. Jeder Abschnitt trägt hierbei eine Zwischenüberschrift, die für die Tonalität der folgenden Episode ausschlaggebend und prägnant ist. Von diesen Zwischenüberschriften ist der Prolog ausgenommen, wobei man die Titelsequenz in der der Titel "All my loving" zu sehen ist, als (Unter-)Überschrift definieren könnte.
Der Film hat mir alles in allem sehr gut gefallen und mich tief in seine Geschichte hineingezogen. Die fast zwei Stunden Laufzeit vergingen wie im Flug für mich, da ich es genoss (soweit dies denn möglich ist) Teil der Geschichten zu sein und die Beweggründe beispielsweise Julias, zu entdecken. Jedoch konnte ich am Ende des Films nicht wirklich glücklich sein, obwohl der Film versucht die Zuschauer*innen mit einem positiven Ende und Gefühl zu entlassen, da ich von der vorherigen Episode noch zu sehr mitgenommen war. Unter anderem deswegen möchte ich dieses Ende kritisieren.

Der gesamte Film spielt mit den Problemen des Lebens und der Tatsache, dass jede Person seine persönlichen Probleme hat, die sich stark von denen einer anderen Person unterscheiden, das Leben deswegen jedoch nicht einfacher machen. Besonders zum Ende der dritten Episode wird an das Mitgefühl, die Betroffenheit und Sentimentalität der Zuschauenden appelliert. Mit solch einem negativen Gefühl möchte der Film das Publikum jedoch nicht entlassen, weswegen (scheinbar) schnell noch ein positives fröhliches Ende angehängt wird, um die Stimmung zu heben. Für mich stellt dies einen großen Bruch dar und verfehlt meiner Meinung nach seine Wirkung. Die Zuschauer*innen werden aus ihren Emotionen gerissen und in ein positives Erlebnis geschmissen, dass sie wahrscheinlich gar nicht genießen können, da sie noch von den Handlungen der dritten Episode ergriffen sind. Warum kann der Film nicht noch einen Moment in dieser Melancholie verharren. Meiner Meinung nach wäre der Film so noch etwas einprägsamer gewesen.

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