Angst - ein Gedicht über Krieg und Menschenrechte

von
am 19.11.2020

Angst.

Kannst du mich hören?
Als ich vergaß
wo ich war
wer ich war
der ich bin
der ich hier stehe.
Ich vergaß für einen Moment
das Schreien der Kinder
das Wimmern der Mütter
das Fallen der Väter.

Kannst du es hören?

Ich öffne meine Augen und bin
da.
Hier. Dort.
Fern. Nah.
Ich bin überall
und doch bin ich nur hier.
Wo bin ich?
Wo ist meine Seele?
Ich kann sie nicht spüren.

Mein Leib erinnert sich,
es dürstet,
es schmeckt,
es bettelt nach Zuhause.
Mein Herz weint nach den Bergen,
aber ich kann sie nicht sehen.
Da ist Rauch
und so viele Geräusche.

Ein Knall.
Vielleicht auch zwei.
Nein, es sind mehr.
Wo ist meine Heimat?
Ohrenbetäubend.
WO IST MEINE SEELE?
Still.

Still.
Stiller.
Am stillsten.
Ja, das ist sie.
Die Welt.
Die Menschen.
Sie sehen alles.
Schauen nur zu.
Die einen kommen, die anderen töten, die Dritten gewinnen.
Wie kann man gewinnen?
Ein Tanz des Blutes
samt einer Verbeugung des Todes?
Siehst du zu und klatschst dem Elend,
wirst auch du ein Täter der Stille.

Ich will nach Hause.
Aber ich bin ja schon da.
Aber wo soll ich dann hin?
Ohne aber.
Ohne Sinn.

Was kann ich tun?
Was kann ich machen?
Ich kann ja nicht alle leblosen Hüllen aufheben.
Es sind zu viele.
Es sind einfach zu viele.

Der Boden vibriert.
Ein Pfeifen in meinen Ohren.
Lichterloh,
das Feuerwerk des Grauens
vor mir.
Und doch weiß ich
so duster
kann nichts anderes sein.

Warum tun wir uns das an?
Was ist der Sinn des Verderbens?
Es passiert jetzt
in diesem Moment.
Wo du friedlich die Augen schließt
hinfort in die Ruhe der Nacht,
und ich
in das Leid des Tages.

Ein Augenblick
und ich kann nichts mehr sehen.
Ein Augenblick,
der mir das Leben genommen.
Es tut alles so weh,
doch der Schmerz sei nicht derselbe,
wie dass ich meine Seele verlor.
Mein Herz.
Meine Heimat.
Mein Leben.

Schwarz.

Weiß.

Ich wache auf.
Ich bin in meinem Bett,
warm und sicher.
Ich richte mich auf
und blicke nach draußen.
Nichts als Stadt.
Weit entfernt.
Ich blicke in den Spiegel, sehe mein Gesicht,
sehe die Architektur meiner Geschichte.
Die Geschichte meines Volkes,
die Geschichte meiner
Brüdern.
Schwestern.
Vätern.
Müttern.
Fast erloschen.

Und doch sprach in mir drin,
leise und kaum merklich,
die Stimme meiner Seele.

“Kannst du mich hören?”

Dieses Gedicht ist allen gefallenen Soldaten und Geflüchteten im schrecklichen Krieg um die Republik Arzach, der Heimat meiner Vorfahren, gewidmet.

Mögen eure Seelen ein neues Zuhause finden.

Krieg wird nie eine Lösung sein, sondern nur mehr Probleme schaffen. Und während es jeden Tag überall auf der Welt passiert, vergessen wir, uns einander die Hand zu geben.

Es geht um Menschenrechte. Genauso wie du und ich verdienen diese Menschen Frieden & ein Zuhause, beidseitig.