Jeder ist gegen Gewalt

von
am 30.05.2018
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© Abdu Baack

Die Städte Berlin, Hamburg und Leipzig verbindet eine Sache hauptsächlich. Die Anzahl politisch motivierter Straftaten aus dem linken politischen Spektrum scheint hier besonders hoch. Gewalt von Links scheint in diesen Städten ein Thema zu sein. Das folgende Essay soll quasi als Notizzettel fungieren. Ich möchte hier meine Gedanken zu diesem Thema loswerden, mögen diese auch sehr subjektiv sein.

Als erstes habe ich mir den Spaß erlaubt und die beiden Suchbegriffe: „linke Gewalt“ und „rechte Gewalt“ in die Google-Suche eingegeben. Zum Suchbegriff „linke Gewalt“ werden mir circa 1,8 mal mehr Vorschläge gemacht (LG: 171.000 / RG: 95.100).

Linke Gewalt scheint von medialem Interesse zu sein. Ich persönlich würde mich politisch links einordnen. Ich bin für die Gleichheit von Menschen, finde die Idee, dass jeder machen und sagen können soll was er*/sie* mag, solange es niemanden verletzt oder belästigt, gut, außerdem kann ich Hierarchien nicht leiden, die Idee Hierarchien- und Machtstrukturen stetig abzubauen bis hin zu einer utopischen Welt, voller Gleichheit und ohne Krieg, Ausbeutung und Diskriminierung gefällt mir.

Auch mag ich sicherlich radikale Theorien oder Vorgehensweisen gut finden. So empfinde ich Sitzblockaden gegen rechts-(extreme/populistische) Demonstrationen als etwas Gutes. Die letzten 2,5 Jahre war ich auf Wohnungssuche.

Aus erster Hand kann ich bezeugen, dass der Berliner Wohnungsmarkt dreckig ist. Außerparlamentarische Vorgehensweisen um gegen Wohnraum als Spekulationsware zu agieren würde ich in der Regel eher unterstützen.

Nun ist es dennoch eher der Fall, dass die Gesellschaft im Allgemeinen diese Formen der Gewalt strikt abzulehnen scheint, glaubt man zumindest den Eindrücken, die man aus den abertausenden Kommentarspaltendiskussionen gewinnen kann.

Doch genau hier beginnt die Irrationalität. Denn vergleicht man einmal nur die offiziellen Todeszahlen von rechts- und linksextremistisch motivierten Straftaten, wird schnell klar, wer die gesellschaftlich größere Gefahr darstellt.

Geht man nach den Zahlen, die mit Hilfe der PMK (politisch motivierte Kriminalität) erfasst wurden - die Zahlen sind jedoch mit Vorsicht zu genießen, da das aktuelle Verfahren zu Erfassung große Mängel aufweist - stehen auf der linken Seite 16 versuchte und 1 vollendetes Tötungsdelikt, wo hingegen auf der rechten 44 versuchte und 3 vollendete Tötungsdelikte stehen, alle Zahlen gelten seit 2001, hinzu kommen eigentlich noch Morde des NSU, der Anschlag von München und Dutzende bisher nicht aufgeklärte Morde.

Im Allgemeinen, so merkt es das BKA an, sind wesentliche Unterschiede zwischen rechter und linker Gewalt zu betonen. Während die meisten Straftaten der linken Seite „ereignisorientiert“, zum Beispiel „Landfriedensbruch“ oder „Widerstand gegen Vollzugsbeamte“ im Rahmen einer Demonstration in Form einer Sitzblockade oder Ähnliches, sind. Anzumerken ist auch, dass die Zahl an Körperverletzungen von Links circa halb so hoch ist wie von Rechts.

Das BKA hat hier angemerkt, dass rechte Gewalt oftmals eher face-to-face stattfindet. Dabei ist auch die Anzahl an Straftaten, bei denen der Tod des Opfers in Kauf genommen wird, um 23% höher als durch Linke. Was sind also nun 9 besetzte Häuser in Berlin vorletzte Woche, die vorher ohnehin leer Standen im Vergleich zu einer Ideologie die Grundlegend auf der Ungleichheit der Menschen aufbaut.

Lange habe ich darüber nachgedacht. Warum wollen alle gegen Nazis sein, im Zweifelsfall aber auch strikt gegen Gewalt. Alle sind für Frauenrechte und Emanzipation, solange es das eigene Verhalten nicht beeinflusst.

Eine richtige Antwort habe ich bisher nicht gefunden, mehrere Vorfälle bei denen ich bisher anwesend war haben mir aber einiges über Menschen beigebracht. Zweimal musste ich einschreiten, als Frauen* rassistisch/sexuell belästigt wurden. Ich war immer der Einzige der etwas tat.

Nicht dass es nicht auch andere Menschen gegeben hätte, die ich persönlich sogar eher in der physischen Position dazu gesehen hätte, als mich. Aber jedes mal hat es keinen interessiert. Nach diesen beiden Vorfällen habe ich den Glauben in die Zivilcourage so gut wie verloren. Ganz nach dem Motto: „Be the change you wanna' see in the world.“

Dass das Gegenteil aber auch der Fall sein kann, bewies eine Situation, in die ich vor Kurzem geriet. Ein homosexuelles Paar war in der Nähe einer Bar, in der ich mich mit Freunden befand, mit einem Messer angegriffen worden.

Das Paar rettete sich in unsere Bar und ohne dass irgendjemand lange darüber nachdachte, achteten draußen Leute darauf, dass die Täter keinen Zugang zur Bar erhielten, drinnen wurden das Opfer der Messerattacke und sein Partner versorgt, solange die Rettungskräfte noch nicht vor Ort waren. Wie ein eingespieltes Team taten alle das ihnen Mögliche, um den beiden zu helfen, obwohl sich die meisten der Barbesucher eben nicht kannten.

Abgesehen davon, dass mich die ganzen Umstände traurig und wütend gemacht haben, hat es mich glücklich gemacht, dass es immer noch Leute in dieser Welt gibt, die sich kümmern und die für das Richtige einstehen, auch wenn sie gegebenenfalls mit ihrer körperlichen Unversehrtheit bezahlen müssen - und das nur, weil es das Richtige ist. Zum Glück wurde keiner körperlich schwerer verletzt.

Einen wichtigen Punkt, den ich hier gerne noch einmal anführen möchte, ist der der Empathie. Viele Leute regen sich nicht auf, solange es ihre Person oder ihr leben nicht betrifft. Abschiebungen nach Afghanistan? - Mir doch egal. Nein heißt eigentlich nicht wirklich nein? - Juckt mich nicht. Wohnungen in Berlin und anderswo werden krass viel teurer? Ich habe ein Haus!

Ich bin der Überzeugung vielen Leuten würde es gut tun, mal darüber nachzudenken wie chancengleich unsere Gesellschaft doch wirklich ist. Wie offen und tolerant der „deutsche Alltag“ tatsächlich gegenüber Migranten und Menschen mit Migrationshintergrund ist, bevor vermeintlich unbegründete Aggression und Gewalt verurteilt wird. Gewalt ist kein Phänomen einer bestimmten Ideologie, Herkunft, Religion oder Gesellschaftsschicht.

Gewalt ist ein Produkt der meisten Gesellschaften auf diesem Planeten. Vielleicht wird es Zeit, dass wir als Gesellschaft uns ändern und aufhören zu versuchen unseren Konservatismus mit Hilfe von Abschottung zu sichern, um uns dann über die Konsequenzen und die Produkte, die daraus resultieren, zu wundern.

Abdu ist Fotojournalist, Student und Jugendredakteur bei jup!.

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