„Manchmal helfen Schellen“

Ein indirekter Appell mit Kampfsport anzufangen

„Willst du ihnen helfen, dann erinner‘ sie an ihre Worte: 'Manchmal helfen Schellen!'“ lautet die Hook aus dem Track „Schellen“ von Audio88 und Yassin. In ihrem Track geht es um platte, rechtspopulistische Aussagen des Alltags.
Ein jeder hat die dort zitierten Aussagen schon einmal gehört. Neben etlichen auf Rassismus aufgebauten menschenfeindlichen Aussagen geht es in einem Part um sexuelle Belästigung in einer Bar, Kneipe oder einem Club, wo auch immer sexuelle Belästigung stattfinden kann. Ich zitiere:

 

„Lächel doch mal, ich geb‘ dir auch einen aus. Wenn du nicht wegen Männern hier bist, dann zeig nicht so viel Haut. Viel Spaß auf dei‘m Heimweg! (Schlampe) Ich bin bestimmt nicht der letzte, der deinen Ausschnitt falsch versteht!

[…]

Bevor man etwas Dummes tut, muss man dumm denken, unter ihrem Aluhut sind sie auch sowas wie Menschen. Willst du ihnen helfen, dann erinner‘ sie an ihre Worte: ‚Manchmal helfen Schellen‘!“

 

Nehmen wir nun einmal das angegebene Zitat auseinander. Der erste Satz baut auf dem gesellschaftlichen Bild der süßen kleinen und schwachen Frau auf, die gefälligst süß und zerbrechlich auszusehen hat. Als Gegenleistung dafür hat sie dann auch einen Drink verdient. „Hübsches“ Aussehen als Gegenleistung für Drinks? Dieses Bild von Frauen, auch bei Frauen, dürfte wahrscheinlich keine Seltenheit sein. Sexuelle Belästigung ist alltäglich, entgegen jener rechtspopulistischen Meinung ist es weder ein Nah-Ost- oder ein muslimisches Problem. Sexuelle Belästigung/Nötigung sowie Vergewaltigung, juristisch eine fortgeschrittenere  Stufe der sexuellen Nötigung, ist ein Teil unserer Gesellschaft, den es solidarisch zu bekämpfen gilt. Dazu später mehr.

Auch der Subtext des zweiten Satzes dürfte den meisten nicht fremd sein: „Ziehst du dich so aufreizend an, bist du doch selbst schuld, wenn dir jemand etwas antut!“ Diese Ansicht ist weiter verbreitet, als man glauben mag. Vielmehr ist das Bild der aufreizend angezogenen Frau, die Sex will, denn ansonsten würde sie sich so nicht anziehen, in der Gesellschaft sehr tief verankert. Nicht nur, dass es eben nicht der Fall ist, schiebt man mit solchen Aussagen die Schuld ebenfalls den Opfern zu. Man behauptet, sie hätte sich mit ihrem Outfit dazu entschieden, eine Belästigung oder Vergewaltigung in Kauf zu nehmen.

 

 

Skandal-Video der Polizei unterstellt Frauen Mitschuld an Vergewaltigungen

 

 

Zusätzlich nimmt man die Täter in Schutz, da sie ja nur auf die angebliche optische Provokation reagiert hätten. Dies ist ein sehr perfider konservativer Ansatz, der das Problem leider nur anfeuert. Das Gegenteil, nämlich Täter klar als Täter zu benennen, ist wichtig.

Der dritte Satz in Kombination mit dem Nachgestellten „Schlampe“ hat verschiedene Bedeutungsebenen. Zum einen lässt er die Interpretationsweise zu, dass der Urheber das Gegenüber als langweilig bezeichnet, was vergleichsweise noch ziemlich trivial erscheint. Das nachgestellte „Schlampe“ bedeutet die Abwertung des Gegenübers, in diesem Fall eine Frau*, zu vermuten, da er im Satz danach den Ausschnitt anspricht, aufgrund des vermeintlich „offenherzigen“ Outfits und der nicht Bereitschaft, mit dem Protagonisten eine Konversation oder mehr zu beginnen. Ein herabwürdigender Konter. Im Subtext fließt eine Enttäuschung über vermeintliche Undankbarkeit des Opfers mit, was offensichtlich ziemlicher Schwachsinn ist.

Abschließend behauptet der Protagonist, er wäre sicherlich nicht der einzige, der den Ausschnitt falsch verstehen wird. In diesem Punkt stimme ich ihm auf jeden Fall zu.  Ich bin sehr davon überzeugt, dass er nicht der einzige bleiben wird, der jenes Outfit falsch verstehen wird. Wie vorhin bereits angesprochen, ist das Bild, welches die Gesellschaft von Frauen hat, die sich aufreizend oder auch nur normal anziehen – einige haben komische Interpretationen von aufreizend ­–  erschreckend. Immer wieder wird mit der eigenen Schuld der Opfer argumentiert.

Es fällt mir als heterosexueller Mann eher schwer nachzuvollziehen, was es bedeutet, alltäglich sexuelle Belästigung zu erleben.

 

Fight like a girl

Wichtig für meinen Artikel ist außerdem noch das Ende meines Zitats: „Manchmal helfen Schellen“, nicht zwangsweise wörtlich zu nehmen, aber durchaus auch. Ich wurde für diesen Artikel von einem Artikel des „Ficko.Magazin“ inspiriert. In dem Artikel „Billie im Bann der Dämonen – Was passiert ist, seit ich Grapscher schlage“  beschreibt die Autorin* „Bilke.“  wie sich der Umgang von Männern* ihr gegenüber geändert hat, seitdem sie im Notfall auch mal zuschlägt, wegschubst oder losbrüllt. Eine kleine Zusammenfassung des Artikels:

Die Autorin erzählt davon, wie sie in einer Provinz-Disco angegrapscht wurde und den Grapscher* daraufhin zur Rede stellte. Dieser nahm sie überhaupt nicht ernst und streckte ihr den Mittelfinger entgegen, an dem er kurze Zeit später lutschte. Daraufhin schlug sie, das erste Mal, zu. Seit dem reagiert sie bei solchen Übergriffen immer sehr bestimmt, nutzt das Erheben der Stimme, schubst und boxt, um solche Angriffe auf ihre sexuelle Selbstbestimmung und ihre körperliche Unversehrtheit abzuwehren. Am Ende des Textes schreibt sie selber auch noch, dass dies zwar nicht die ideale Lösung sei, solange die Gesellschaft und der Gesetzgeber allerdings nicht für die körperliche Unversehrtheit von Frauen* sorgen können, müssen Frauen* sich selber zu helfen wissen. Ich glaube, damit trifft sie einen guten Punkt. Ich kann mir vorstellen, dass sich viele denken werden: „Zuschlagen, ist das nicht ein wenig übertrieben?“, absolut überhaupt nicht! Ich erkläre hier nochmal kurz die juristische Grundlage, dafür zitiere ich das Bürgerliche Gesetzbuch (§227, Abs. 2): „Notwehr ist diejenige Verteidigung, welche erforderlich ist, um einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwenden.“ Bedeutet, Notwehr ist ein, in der Regel physisches, Mittel um Angriffe auf den eigenen Leib, das Leben, Freiheit, Ehre oder Eigentum abzuwehren. Diese Abwehr muss im Verhältnis stehen, in Bezug auf den Fall einer sexuellen Belästigung ist zu sagen, man darf sich physisch zur Wehr setzen. Begrapscht dich jemand, darfst du ihn boxen, treten oder was auch immer, solange es im Verhältnis steht, jemanden mit Waffengewalt oder Gegenständen schwer zu verletzen, weil er dich begrapscht, ist emotional sicherlich nachvollziehbar, rechtlich, aber wahrscheinlich eher umstritten.

 

Love Sex - Hate Sexism

Sexismus, sexuelle Belästigung, Nötigung bis hin zur Vergewaltigung ist leider alltäglich in Deutschland. Zu Schuldigen solcher Taten werden neben den faktischen Tätern oft im gesellschaftlichen Diskurs ebenfalls die Opfer ernannt. Es gibt global betrachtet ein falsches Bild von Männern, Frauen und Mündigkeit. Zu häufig werden Männer* als unmündige Gestalten dargestellt, die blind von ihren Sexualtrieben geleitet werden, Frauen* die sich „sexy“ anziehen, müssten sich genau deshalb nicht wundern, wenn ihnen etwas zustößt. Über Frauen wird oft so geredet, als seien sie Gegenstände oder Haustiere. Man redet oft nicht mit, sondern über sie, ein weiteres Problem einer patriarchalen Gesellschaft, der Mann* behauptet, es besser zu wissen.  Ein Beispiel dafür sind Forderungen von Kleidervorschriften für Mädchen und jungen Frauen in der Schule. Tatsache ist aber, Männer sind mündig. Sie entscheiden sich bewusst, den Schritt der Belästigung oder Vergewaltigung zu gehen, deshalb sind sie auch die einzigen, die dafür belangt werden müssen. Wie  bereits gesagt sind es tatsächlich meistens Männer*, die zu Tätern werden, weshalb ich im Artikel manchmal anstatt Täter* Mann* schreibe. Fest steht:  Frauen* sind weder Gegenstände noch Haustiere, sie dürfen sich anziehen, wie sie möchten und wir müssen anfangen, die Gesellschaft so weit zu wandeln, dass sie es auch machen können, ohne Belästigungen, Beleidigungen oder sonst etwas Diskriminierendes zu erleiden.

 

Die Ultima Ratio

Die Verbindung von sexueller Belästigung und dem Appell mit Kampfsport anzufangen, dürfte dem entsprechend offensichtlich sein, dennoch hier noch einmal eine Erläuterung. Zu meinem Kampfsport Background, ich habe fünf Jahre Kampfsport, genauer Ju-Jutsu, gemacht. Ein Kampfsport, welcher seine Wurzeln in Japan hat. Man trainiert in einem, in der Regel, weißen Judo-Gi, für die Olympia-Freunde unter euch, diese Anzüge kommen aus dem Judo und werden dementsprechend auch von den Judo-Kas getragen. Das moderne Ju-Jutsu hat neben der traditionellen Kampfkunst auch eine Selbstverteidigungskomponente (SV). Grob gesagt, geht es in der SV in erster Linie um die praktische Anwendung, die Schönheit der Verteidigung spielt eine nur untergeordnete Rolle. Nebenbei ist Ju-Jutsu auch kein „Hau drauf“-Kampfsport, vielmehr geht es um die Abwehr eines Angriffs mit möglichst wenig eigenem Kraftaufwand. Dementsprechend nutzen  die Abwehrtechniken die bereits eingesetzte Energie des Angreifers. Ist der Angriff abgewehrt, geht es, meist in einem fließenden, fast wortwörtlich zu nehmenden, Übergang dazu über, den Angreifer, mit Hilfe von Halte-, Fessel und Würgegriffen und/oder Druckpunkten unter Kontrolle zu bekommen und zu halten bis sich die Situation entspannt. Es geht gezielt darum, dem Gegner nicht unnötig Schaden anzutun, sondern die Situation zu deeskalieren. Deshalb wird Polizisten in der Ausbildung auch Ju-Jutsu gelehrt. Fun Fact: Krav Maga, ein israelischer Kampfsport der vom Militär und der Polizei konzipiert wurde und genutzt wird, hat seine Wurzeln im Ju-Jutsu. Eine Erkenntnis habe ich für mich gewonnen, diese fünf Jahre Kampfsport haben mir ein ganz anderes Körperbewusstsein und eine komplett andere Ausstrahlung verliehen. Ich trete offensiver und selbstbewusster auf, auch in Situationen, in denen ich super nervös bin. Neben der Möglichkeit dich selbst verteidigen zu können, arbeitet Kampfsport präventiv dagegen, dass du in solche Situationen kommst. Auch kann ich sagen dass das Bild von Kampfsportlern, welches vorherrscht, größtenteils falsch ist, es sind absolut keine dümmlichen „Hau drauf“-Typen, sondern sehr fürsorgliche sportliche verantwortungsbewusste Menschen.

An dieser Stelle möchte ich gerne ein letztes abschließendes Zitat von Hannah aus ihrem Artikel einfügen: „Mein Körper ist niemandes Objekt. Und ich lasse mich nicht einschränken. Kein Bock auf Victim Blaming.“

 

VON A.

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