Mitgeschöpf Tier

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am 12.05.2016
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Am Dienstag, dem 26. April, hat das Inforadio rbb zu einem Gespräch über die Kontroverse der Tierversuche eingeladen. Es waren Fragen wie „Sind Tierversuche unverzichtbar?“, „Was für Alternativen gibt es?“ und „Wird man je auf Tierversuche verzichten können?“, die die Gäste Prof. Dr. Christa Thöne-Reicke (Fachärztin für Versuchstierkunde, FU Berlin), Dr. Thorsten Ruppert (Senior Referent Grundsatzfragen Forschung/Entwicklung/Innovation im Verband Forschender Arzneimittelhersteller e.V. (vfa)), Professor Dr. Gilbert Schönfelder (Leiter der Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)) und Professor Dr. Ulrich Dirnagl (Direktor des Zentrums für Schlaganfallforschung und der Abteilung für experimentelle Neurologie, Charité Berlin) versuchten zu beantworten.

Tierrechtsorganisationen wie PETA Deutschland e.V. machen regelmäßig mit großen Kampagnen und Aktionen auf die Leiden der Tiere aufmerksam. Oft zeigen sie Bilder von katastrophalen Zuständen wie unzulänglichen Käfigen, mit Geschwüren übersäte Tiere oder Affen mit Elektroden. All diese Bilder zeigen Tierversuche im medizinischen Bereich, wie sie u.a. in der Grundlagenforschung, in der Toxikologie oder zum Test neuer Medikamente in der prä-klinischen Phase angewandt werden. Tierversuche im Kosmetikbereich sind seit einigen Jahren in Deutschland verboten, dennoch gibt es Produkte, die in anderen Ländern hergestellt werden, wo Tierversuche erlaubt oder gar wie in China verpflichtend sind.

Für Tierversuche in der Medizin werden in Europa jährlich über 11 Mio. Tiere verwendet, davon 3 Mio. in Deutschland. Darunter bilden Nagetiere wie Ratten und Mäuse die Mehrheit. Und das, obwohl Deutschland ein Tierschutzgesetz hat, was besagt, dass das Leben des Tieres und sein Wohlbehagen zu schützen sind (TierSchG). Wie ist dieses Gesetz mit den Tierversuchen zu vereinbaren?

Das Gespräch

Die Gäste waren sich einig: Tierversuche sind in der Medizin unverzichtbar und in Zukunft auch nicht komplett ersetzbar. Der Organismus des Menschen ist viel zu komplex, um ihn durch Elektronik-Chips oder Simulationen vollständig darstellen zu können. Vor allem in der Grundlagenforschung und im Verstehen von Krankheiten, wie z.B. Schlaganfällen, können bis jetzt nur mithilfe von Tierversuchen ausreichende Ergebnisse geliefert werden.

Die Vermenschlichung der Tiere und die damit verbundene Emotionalität beim Thema Tierversuche sehen die Gäste als Überreaktion. Man dürfe ihrer Meinung nach die Tiere nicht vermenschlichen, sondern müsse in den Einrichtungen für artgerechte Bedingungen sorgen. Zudem sei laut der Redner*innen eines klar: Tierversuche sind vor allem zur Erweiterung unseres Wissens nötig. Auch muss man zwischen Haustieren und Nutztieren bzw. Versuchstieren unterscheiden.

Des Weiteren waren die Gäste der Meinung, dass die Zustände in den Forschungseinrichtungen angemessen und gut sind. Ihrer Auffassung nach sind die Bilder von dreckigen Käfigen und leidenden Tieren, die man oft sieht, veraltet oder manipuliert, sodass sie nicht der Wahrheit entsprechen. Den Tieren wird das Leiden so gut wie möglich genommen. Natürlich ist es weiterhin wichtig, dass es Verbesserungen und Innovationen gibt, um das Leid der Tiere zu verringern und ihr Leben so angenehm wie möglich zu gestalten.

Tierversuchsgegner kritisieren jedoch, dass der Staat viel zu wenig Geld in diesen Forschungszweig investiere und lieber altbewährte Methoden verwende. Allgemein kann man sagen, dass viel weniger Geld in die Entwicklung von Alternativen, deren Lehrstühle und Programme investiert wird als in die Tierversuche. Hierbei wünschen sich die Gäste auch mehr Anerkennung der alternativen Methoden. Denn ohne Anerkennung sind die Tests nichts wert.

Insgesamt waren sich die Gäste jedoch einig, dass durch die alternativen Methoden die Anzahl der Tierversuche bereits deutlich reduziert werden konnte. Hinzu kommt, dass in Deutschland nachgewiesene Dinge, für die bereits Tierversuche eingesetzt wurden, nicht nochmal an Tieren getestet werden dürfen, sondern auf eine ausführliche Datenbanken zurückgegriffen werden muss. Außerdem werde, laut den Gästen, vor einem Versuch sowohl der Tierversuch als auch die Alternativmethoden als Möglichkeit betrachtet, bevor sich für die geeignetere Methode entschieden würde.

Kritik

Die Gäste zeigten sich zunächst aufgeschlossen und meinten, dass sie sich auch für den Tierschutz einsetzen. Sie wollen die Qualität der Tierversuche verbessern, sodass die Ergebnisse besser und verlässlicher werden. Gleichzeitig setzen sie sich ebenfalls für Alternativmethoden ein und bescheinigten denjenigen, die die Tierversuche durchführen, eine ausreichende Fachkompetenz. Anderseits war das gesamte Gespräch sehr einseitig. So wurden Tierversuchsgegner*innen gar nicht erst zur Gesprächsrunde eingeladen. Auch deren Meinung wurde nicht ausreichend dargestellt. Doch für ein ordentliches Meinungsbild müssen immer beide Seiten betrachtet werden. Das war aber leider an diesem Abend nicht der Fall. Insgesamt wurden Kritiker, vor allem Ärzte, die sich gegen Tierversuche aussprechen, eher abwertend betrachtet. Außerdem wirkten teile des Gesprächs primär wie eine Verteidigung von Tierversuchen. Wären auch kritische Stimmen zu Wort gekommen, hätte es eine gute Diskussion werden können. So wurde jedoch nur einseitig diskutiert. Darüber hinaus setzten die Gesprächsteilnehmenden viel Vorwissen bei dem anwesenden Publikum voraus. So wurden viele offene Fragen nicht beantwortet: Was für Alternativmethoden gibt es und wie wurden sie entdeckt? Wie werden die Tiere wirklich gehalten? Warum dürfen wir als Mensch uns über das Leben der Tiere stellen und sie für unsere Forschung benutzen? Wie ist die Situation in anderen Ländern? Welche Ansichten haben Kritiker?

Es bleibt also dabei: Jeder muss sich über das Thema informieren, um sich selbst eine Meinung bilden zu können. Auch die Frage nach den moralischen und ethischen Aspekten muss sich jeder selbst stellen. Doch auch die Forschungsunternehmen müssen ihren Teil dazu beitragen und offen legen, unter welchen Bedingungen z.B. Medikamente erforscht wurden und warum sich sich für die eingesetzte Methode - sei es Tierversuch oder Alternativmethode - entschieden haben.

Wenn du mehr über Tierversuche und deren Auswirkung wissen möchtest, schau doch mal auf diesen Seiten vorbei:

https://www.aerzte-gegen-tierversuche.de/de/

https://www.tierrechte.de/

Hier findest du ausführliche Informationen zum Thema, wie z.B. über das Tierschutzgesetz.

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