“Nicht zustimmen, sondern gedanklich folgen”

am 01.03.2019
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„Desintegriert Euch!“ schreit das Buchcover und ich frage mich, was das soll. Da muss man doch genauer hinschauen. Was für eine Botschaft will der Autor denn damit senden und will ich das Buch wirklich lesen?
Gut, dass eben dieser Autor, Max Czollek, eine Lesung im Haus der Schwarzkopfstiftung gibt, vor dem ich jetzt gerade stehe. Das Haus steht für das junge Europa und die internationale Zusammenarbeit der Jugend. Vielleicht hat der Titel etwas mit diesem Ort zu tun, kommt es mir in den Sinn. Aber wo und wofür steht Europa eigentlich so kurz vor den Europawahlen. Bei denen können und sollten übrigens alle ab 18 Jahren abstimmen und auch alle unter 18 können mitmachen, nämlich bei der U18 Wahl. Aber ich stelle mir ja gerade die Frage, welche Werte wir in Europa in den Vordergrund bringen möchten. Ist denn nicht gerade die Integration unterschiedlicher europäischer Kulturen und auch z.B. der von Geflüchteten ein zentrales Anliegen der EU? Und steht das nicht in einem krassen Widerspruch zum Titel dieses Buches? Vielleicht, ist es aber auch wichtig keine Integration zuzulassen, damit Kulturen und Wurzeln dabei nicht verloren gehen und die Menschen nicht in irgendwelche Muster und Lebenswege gezwängt werden, nach dem Motto: Was nicht passt wird passend gemacht. Klar, Menschen einbeziehen, das empfinde ich als wichtig.

Aber erstmal Stop - was heißt denn Integration überhaupt?
Laut Duden bedeutet Integration aus soziologischer Sicht:

"Die Verbindung einer Vielheit von einzelnen Personen oder Gruppen zu einer gesellschaftlichen und kulturellen Einheit."

Ah ja. Auf Neudeutsch ist es ja dann das Einbeziehen von Menschen zu einer Einheit.

Max Czollek bezeichnet die Ideen seines Buches als ein Versuch der radikalen Vielfalt - eine Utopie, die es so nicht gibt, aber aus seiner Sicht möglich wäre.
Der Autor ist 31 Jahre alt und wird als wütender jüdischer Deutscher bezeichnet und so wirkt er auch. Mit scharfzüngiger Polemik, also einer subjektiven Auseinandersetzung in seinem Fall mit jüdisch sein und Deutschland, und einem Hauch bösen Humors las und erzählte er aus seinem Buch.
Nach der Lesung wurden Fragen gestellt, teils vom Gastgeber André-Schmitz Schwarzkopf, teils vom Publikum.

Gemerkt hat es wohl jeder - das Thema Integration und Kultur ist so breitgefächert und individuell verschieden, dass wir darüber Jahre diskutieren und uns austauschen könnten. Aber der Frage, was passiert, wenn die Kulturen auf die Gesetze der deutschen Mehrheitskultur krachen, ist der Autor allerdings gekonnt ausgewichen. Dennoch wurde klar - man kann Teil Deutschlands sein, ohne sich in ein homogenes Ganzes zu integrieren. Und auch das wollt May Czollek noch klarstellen:
 
"Es geht nicht darum, dass sie mir zustimmen sondern eher, dass sie mir folgen."

Es ginge ihm um die Reflexion deutscher Leitkultur und ihren Umgang mit Minderheiten. Als Beispiel nimmt er den deutschen Flaggenfanatismus. Während der Fußballmeisterschaften war es nicht zu übersehen, wie Deutsche ihr Gesicht, Auto und Fenster mit der Flagge schmückten. Aber ist das schon der schlummernde Nationalismus? Schwierig zu entscheiden, was da zur Normalität gehört. Überzogener Patriotismus hat Deutschland in mindestens zwei fatale Kriege geführt. Sollte es trotzdem endlich wieder “normal” sein, sich die Flaggen aufs Gesicht zu schmieren?

“Setzt euch mit Geschichte auseinander!” Das habe ich an diesem Abend auch wieder ins Gedächtnis gerufen bekommen.
“Holocaust hatte ich in der Schulzeit schon genug”, wurde gesagt, aber wann kann ein so einschneidendes Kapitel zu viel sein? Werden wir irgendwann in der Zukunft einen Punkt erreichen, wo wir nicht mehr mit Blumen und Erinnerungen dem Holocaust gedenken, frage ich mich bei den Gesprächen.
Max Czollek plädiert für eine kulturelle Vielfalt innerhalb von Nationen und spricht sich aus für das Recht jedes Einzelnen auf Individualität innerhalb der jeweiligen Kultur oder Religion. Wenn wir Juden sind, dann sind wir nicht nur das und wenn wir Deutsche sind, dann sind wir aber auch noch mehr als das, denn eine klare Definition, was einen Juden oder Deutschen ausmacht, gibt es nicht. Es sind – und damit zurück nach Europa – gerade die Unterschiede, die uns Menschen voranbringen. Europa als die Heimat vieler verschiedener Völker ist dafür nämlich ein gutes Beispiel. Bis aufs Blut gestritten wurde hier genug – es ist an der Zeit wieder an den Unterschieden zu wachsen. Und das, so ist vielleicht die Botschaft von Max Czollek zu verstehen, können wir tun, indem wir uns aus den uns zugeschriebenen Schubladen "desintegrieren".

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