Menschen

„Lauf nicht so freizügig rum!“
„Zieh Dir etwas Vernünftiges an!“

Warum? Warum darf ich nicht das anziehen, worin ich mich wohl fühle?

Ich stehe an der Bushaltestelle. Ca. 20.15 Uhr, ein Sommerabend. Ich  schaue, wann der Bus kommt, will nur noch nach Hause und was essen. Ein  Auto hält neben mir. Ein silberner Mercedes voll besetzt. Die 
Beifahrertür geht auf: „Hey, Bus ist da!“, sagt ein Mann und zwinkert mir zu. Ca. 30 Jahre alt, er macht Anstalten, auf mich zuzukommen. Es sitzen vier weitere Männer im Auto. Sie schauen mich alle an. Ich 
laufe weg. Schnell. Wohin? Keine Ahnung. In die Videothek. Fährt das  Auto mir hinterher? Ist das der gleiche Mann, der da gerade auch  ‚Video World’ betritt, wie gerade eben? Ich hole mein Handy raus:  „Mama, bitte hol mich ab!“ Ob ich jetzt eine lange Jeans anhatte oder  eine kurze Hot-Pan. Ob ein Croptop oder einen langen Pullover - EGAL!

Ich lese andere Berichte von dummen Anmachen. Der Schlusssatz geht in die Richtung: „Ich war ja selbst schuld, wenn ich mich leicht  bekleide.“ Entschuldige dich doch gleich, ein Mensch zu sein! Es gibt  keinen Grund, sich selbst die Schuld zu geben.

Jeder Mensch ist frei

Fangen wir mit dem banalsten Argument an, das Grundgesetz. Jeder  Mensch ist von Natur aus gleich und frei. Er darf selbst über seinen  Körper entscheiden. Sprich: Du darfst anziehen, was du willst, wie du  es willst, wo und wann du willst. Jeder, der meint, du kleidest dich einem Anlass entsprechend falsch, vertritt seine eigenen Interessen,  seine eigene Einstellung. Wenn du meinst, es ist das Richtige, dann  ist es das Richtige.

Kleidung zur Individualität

Wenn du dich jetzt der Meinung anderer fügst, geht deine eigene  Individualität verloren. Deine eigene Meinung wird unterdrückt. Lass dir nichts einreden, was du eigentlich nicht magst. Kleidung ist optisch 
betrachtet der beste Weg, sich selbst zu repräsentieren und in Form von Stoffen seine Persönlichkeit widerzuspiegeln. Allerdings muss das nicht heißen, wenn du kurz und wenig bekleidet bist, dass du 
klischeehaft „einfach zu haben“ bist. Es ist auch ein Ausdruck von Bequemlichkeit, wenn du dich mit kurzen Hosen wohler fühlst. Wenn du  schöne Beine hast und stolz drauf bist, warum zeigst du sie nicht? 
Wenn schon 90 % aller Frauen irgendwann von Cellulite befallen sind,  aber du nicht, warum nicht stolz drauf sein? Und wenn schon Cellulite,  dann einfach Bodypositivity. Sei stolz auf deinen Körper. Sei stolz  darauf, dass du dich traust, ihn zu zeigen. Und erinnere dich immer daran, dass es nicht gleich eine Einladung zum Gaffen ist, wenn du  Haut zeigst, sondern ein Zeichen von Selbstbewusstsein und Mut. Du darfst!

Es kommt allein darauf an, was du magst und wie du dich präsentieren  möchtest. Alles andere ist ein Zwang der Gesellschaft, der aus uns  Menschen etwas wie eine einheitliche Masse formt, die leicht zu  verändern ist. Aber du bist kein Objekt, das sich von anderen  anstößig anquatschen lässt oder sogar angefasst werden darf. Zeige  das!

 

VON S.

In Berlin werden einige Modulare Unterkünfte für Flüchtlinge gebaut. Die modernen Plattenbauten sollen als Gemeinschaftsunterkünfte dienen und ein langfristigerer Wohnort für Geflüchtete sein. Am 27.10. war in der neuen MUF in Hellersdorf Tag der offenen Tür.

VON LEEN

„Warum ist hier eigentlich alles grau?“, fragt ein kleines Mädchen. Sie ist circa 5 bis6 Jahre alt und sieht sich mit ihrer Mutter die neue Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete in der Albert-Kuntz-Straße in Berlin-Hellersdorf an.

Niemand weiß so richtig, was man auf diese Frage antworten soll. Denn sie hat Recht – besonders wohnlich ist es hier bisher nicht. Die Fassade der Gebäude ist grau und wirkt unfertig. Es erinnert ein  bisschen an die Einheitsbauten aus futuristischen Filmen. Genauso grau sind die Treppenhäuser, in allen Zimmern sind die Wände weiß, der einzige Farbklecks sind die farbigen Wände in den zentralen Flurbereichen.

Ebenso nüchtern eingerichtet sind die Zimmer. Für jeden Bewohner ein Metallbett, ein abschließbarer Spind und ein Holzregal. In manchen Zimmern noch ein Tisch mit Stühlen. Bad und Küche werden geteilt. Etwa 16 Bewohner*innen benutzen eine Küche mit zwei Herden, Bäder sind nach Geschlechtern getrennt. Diese Ausstattung stellt das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF). Alles darüber hinaus müssen sich die Bewohner selbst kaufen oder gespendet bekommen.

Ein Besucher, der sich zeitgleich mit mir ein Zweitbettzimmer im Erdgeschoss anschaut, ist der Meinung, die Unterkunft sei zu großzügig. Man könne hier mindestens vier Betten in ein Zimmer stellen, schließlich sollen sich die Flüchtlinge auch nicht zu wohl fühlen – sonst blieben sie ja ewig hier. Ich mache ihn darauf aufmerksam, dass das Zimmer in dem wir uns befinden barrierefrei ist. Und der Platz erscheint für mich gerade so als ausreichend, um sich mit einem Rollstuhl frei zu bewegen. Das scheint ihn nicht zu interessieren und er wettert weiter vor sich hin. Ein zukünftiger Mitarbeiter der Unterkunft fängt ein Gespräch mit ihm an, und erklärt sachlich, welche verschiedenen Zimmer es hier gibt und dass sie als Ersatz für eine eigene Wohnung gesehen werden sollen.

Ich bin beeindruckt, mit welcher Sachlichkeit und Geduld er den Besucher*innen all ihre Fragen beantwortet, denn schnell hat sich eine kleine Menschentraube um ihn gebildet.

Ein Zimmer im ersten Obergeschoss ist als Kinderbetreuungs-Raum bezeichnet. Die stellvertretene Leiterin der Unterkunft erzählt, dass es wohl für keines der jüngeren Kinder, die in die Unterkunft einziehen werden, einen Kindergartenplatz geben wird. Die Betreuung wird in Räumen wie diesem durch Sozialarbeiter*innen stattfinden. Die Ausstattung ist denkbar minimalistisch: 20 Stühle stehen hier im Kreis. In einem kleinen Raum im Erdgeschoss sind einige wenige Spielsachen und farbige Möbel zu sehen – alles Spenden.

Die Unterkunft, die aus zwei Wohngebäuden und einem flachen Verwaltungsbau besteht, soll demnächst von rund 450 Menschen bewohnt werden. Wann genau der Einzug stattfindet, weiß zu diesem Zeitpunkt noch niemand, ebenso welche Nationalität die Bewohner*innen haben und wie viele Kinder unter ihnen sein werden.

Fest steht aber, dass alle Bewohner*innen schon eine Weile in Berlin sind und hierher umziehen, weil ihre bisherigen Unterkünfte geschlossen werden. Es handelt sich um eine sogenannte Gemeinschaftsunterkunft.

In meinem Leben gibt es, wie bei allen anderen Leben auch, Momente des Unwohlseins.

Durch meine zufällige Kollektivzugehörigkeit, durch die entsprechende Ausstattung mit Eierstöcken, Vulva und Klitoris scheine ich, solche Momente gar anzuziehen.

Wer schon immer den besonderen Kick einer Angstsituation am Abend in öffentlichen Nahverkehrsmitteln gesucht hat, der braucht nur wie ein weiblicher Fahrgast aufzutreten und voilà, der schmierige Typ, der euch schon die halbe Strecke frivol zulächelt, sieht seine Chance gekommen, um euch zum Beispiel anzufassen. Spielerrein solcher Art, bedeuten für den Aggressor, eine Hülle und Fülle an sexualisierter psychischer und physischer Gewalt. Ein kurzer Rock, rote Lippen oder auch ein tiefer Ausschnitt lassen dabei sogar zu, dass ihr am Ende der Aktion die Schuld selber tragen dürft.

Lustigerweise obendrein, von Personen, die euch a) nicht zur Hilfe eilten, aber alles mit ansahen, b) die Meinung vertreten, dass Frauen das wollen, weil sie sich ja extra deshalb in Schale werfen oder c) einfach mal mit euch flirten wollten und ihr das natürlich zu "eng" seht, haha.

So einen Moment gab es erst kürzlich bei mir wieder. Beim Versuch ihn logisch, das heißt chronologisch zu rekonstruieren, scheitere ich unaufhörlich bei den Fragen: "Warum ist MIR das passiert?" und "Hätte ich es vermeiden, verhüten, unterbinden können?".

Die Tatsache, dass ich den Tathergang als solchen skizzieren möchte, impliziert, dass es laut meinem Verständnis zu einer Tat gegen meine Person gekommen ist. Diese Tat verletzte meine freie Integrität als Individuum und wertete mich in einer massiven Art und Weise herab, die ich nicht mal dem Täter selber wünsche. Dass auch Nachwirkungen dadurch mit sich gezogen wurden, ich also seit dem noch mehr Angst verspüre als ohnehin notwendig wäre, möchte ich an dieser Stelle ergänzen.

Alles spielte sich auf meinem müden Nachhauseweg ab. Ich war mit Freundinnen irgendwo etwas trinken, nicht be-trinken, nur ein bisschen am Glas nippen-trinken. Die Uhrzeit nicht zu spät, nicht zu früh, wobei solche Einschätzungen in einer "Stadt die niemals schläft" schwierig ausfallen können. Mein Outfit, falls das eine Rolle spielt, schlicht und erogene Teile bedeckend, schützte mich nicht davor, vom fremden Mann (Glatze, ca. 40 Jahre alt und miefend nach Alkohol) bespuckt zu werden. Als ich bei der U9 umstieg, bemerkte ich ihn gar nicht.

Der Berliner Alexanderplatz wird immer mehr zum Hotspot von Kriminalität. Viele Jugendliche hängen hier rum, trinken Alkohol, konsumieren Drogen und sind gewaltbereit. Die neue Anlaufstelle JARA soll vor allem jungen Menschen mit Migrationshintergrund oder Fluchtgeschichte neue Möglichkeiten bieten, ihre Freizeit zu gestalten und sich über berufliche Perspektiven zu informieren. jup! Berlin war bei der Eröffnung des Containertreffpunktes am 3. November 2017 mit dabei und sprach mit Projektmitarbeiter*innen und Jugendsenatorin Sandra Scheeres!

VON JANIK EMIL | KAI

 

 

VON LINUS

Wie einige von euch vielleicht wissen, habe ich im Sommer meinen MSA erfolgreich abgeschlossen und befinde mich grade auf der Suche nach einen Ausbildungsplatz. Am liebtsten etwas in Richtung Mediengestaltung.
Jedoch ist es leider gar nicht so einfach, in diesem Bereich etwas zu finden. Dazu kommt noch, dass ich kein Fan von Ausbildungswerken bin. Ich finde diese einfach zu künstlich. Allerdings ist es auf dem ersten Arbeitsmarkt leider sehr schwierig eine Firma/Agentur zu finden, die bereit ist, einen Menschen mit Behinderung einzustellen.

Als Überbrückung hatte die Agentur für Arbeit die Idee, dass ich eine berufsvorbereitende Maßnahme besuchen kann. Nur leider hat sich dann herrausgestellt, dass die Kosten für Assistenz und Hilfsmittel bei so einer Maßnahme nicht vom Arbeitsamt übernommen werden (Bei einer Ausbildung werden diese jedoch übernommen). Den Sinn versteh ich immer noch nich. Naja, Deutschland halt.

Da ich für dieses Jahr nichts mehr finden werde, habe ich letzte Woche angefangen, mich ehrenamtlich zu engagieren. Ich arbeite grade in einem Verein und machen deren Webseiten barrierefreier. Das hat zwar nicht so viel mit Mediengestaltung zu tun, aber dennoch ist es besser als nur rumzusitzen.

Wo ich schon bei Ämtern bin: Mein neues Fahrrad, was ich Anfang März bestellt habe, liegt immernoch bei der Krankenkasse…

Genug gemeckert!

 

Anmerkung d. Redaktion: Ihr kennt eine Firma, bei der Linus eine Ausbildung zum Mediengestalter machen könnte? Dann meldet euch bei uns unter info@jup.berlin!

Die Männer am U-Bahnhof

Abends am U-Bahnhof, ich zieh‘ meinen Pulli aus, weil mir warm ist, drunter habe ich ein Tanktop. Plötzlich spüre ich von hinten Hände auf meinem Rücken. Eine Gruppe Männer fand es lustig meine Arme und mein Rücken anzufassen und mir zu erzählen, was für schöne Haut ich doch habe. Voller Angst hab ich so schnell wie möglich mein Zeug gegriffen und bin weg gerannt.

 

Die Kneipentypen

Am Ende meiner Straße ist eine kleine Kneipe, an der ich vorbei muss, um zum Supermarkt und Bus zu laufen. Wenn schönes Wetter ist und die Kneipe offen hat, kann ich mich darauf gefasst machen, dass mir von Männern, die älter sind als mein Vater, hinterher gepfiffen und gerufen wird.

 

Der Bus-Mann

Abends alleine im Bus auf dem Weg nach Hause. Eigentlich will ich nur in Ruhe mein Buch lesen als ein Typ anfängt, mich anzuquatschen. Erst denke ich mir nichts dabei und bin auch relativ nett und offen, aber irgendwann versucht er mich davon zu überzeugen, dass ich mit ihm ins Bett gehen sollte. Es stellt sich raus, dass er 30 Jahre alt ist und obwohl ich mehrmals betone, dass ich erst 17 Jahre bin, scheint es ihn keineswegs zu interessieren und er erzählt nur weiter, dass die Jungs in meinem Alter ja zu unerfahren sind und ich mit ihm viel mehr Spaß haben würde. Ich bin freundlich geblieben, weil ich Angst vor ihm hatte und mein Hauptziel in der Situation war, dass er nicht mit mir aussteigt, was er dann zum Glück auch nicht gemacht, nachdem ich ihm mein Facebook gegeben habe.

 

Nein

Zählt mein „Nein“ auch wenn ich vorher „Ja“ gesagt habe? Wenn ich am Anfang einverstanden war, aber ich mich jetzt unwohl fühle und ich nicht mehr möchte? Hab ich dann das Recht „Nein“ zu sagen oder schulde ich dir was? Wenn ich mit dir alleine mitgekommen bin, muss ich dann mitmachen, auch wenn ich gar nicht möchte, weil ich hab mich ja in die Situation begeben? Ich möchte das eigentlich gar nicht, aber ich möchte dich glücklich machen, aber ich hab Angst, aber ich fühle mich verpflichtet. Natürlich weiß ich eigentlich, dass es nicht so sein sollte, dass ich das Recht habe, „Nein“ zu sagen, dass ich mich wehren sollte, aber eigentlich erstarr ich immer vor Angst.

 

Schuld

Das Schlimmste ist für mich wohl das Gefühl von Schuld und Scham jedes Mal, wenn wieder was passiert. Hättest du dich anders angezogen, anders verhalten, weniger getrunken, wärst früher nach Hause gefahren. In meinem Kopf ist es immer meine eigene Schuld, obwohl ich doch immer nur mein Leben leben wollte und keinem dieser Menschen je etwas getan habe. Jemanden davon erzählen, kann ich auch nicht. Es war ja nichts richtiges, ich wurde ja nicht vergewaltig, anderen passieren schlimmere Sachen, es war meine eigene Schuld.

 

VON C.

Du läufst an einem Café vorbei und dir wird hinterher gepfiffen.
Du wartest auf deine U-Bahn und wirst von der Seite blöd angequatscht.
Du sitzt in der S-Bahn und jemand kommt dir zu nah.
Du willst das nicht!
#METOO

 

In den nächsten Wochen berichten jup! Redakteur*innen von ihren Erfahrungen mit sexueller Belästigung. Jede/r Redakteur*in erzählt, was er/sie selbst schon erlebt hat.
Du musstest auch schon solche Erfahrungen machen und willst deine Geschichte loswerden? Dann schreibe uns und wir veröffentlichen deine Geschichte anonym (info@jup.berlin).

 

Stehe am Bahnsteig in der U-Bahn. In der Nähe unterhalten sich ein paar Männer laut auf Arabisch. Scheinen sich zu streiten. Von der anderen Seite kommt ein Mann auf mich zu und kommentiert das Geschehen. Fragt mich, was für ein Problem die Typen hätten. Sage, ich hätte keine Ahnung, würde kein Arabisch verstehen. Beschwert sich, es sei immer dasselbe mit den Arabern. Erwidere, dass jeder mal eine Diskussion führen könne, nur weil die Männer Arabisch sprächen, müsse man das ja nicht gleich abwerten. Sagt, es wäre egal, er wäre eigentlich eh nur wegen mir her gekommen. Was soll ich darauf antworten?
Sage „Aha“ und drehe mich demonstrativ von ihm weg. Kurze Pause.
Scheint ihn nicht zu interessieren. Meint, ich sähe „mega geil“ aus. Wieder weiß ich nicht, was ich sagen soll. Bedanke mich absichtlich freudlos bei ihm und gehe weg.
Die Bahn fährt ein. Er geht mir hinterher. Fragt beim Einsteigen, ob ich einen Freund hätte. Bejahe. Sagt, das störe ihn nicht. Antworte: Mich schon. Fordert mich auf, mich mit ihm in das leere Abteil zu setzen. Entgegne, dass ich lieber hier bei den Leuten sitzen wolle. Sagt, er wolle lieber allein mit mir sein. Sage nichts. Gehe nicht mit ihm. Setze mich. Setzt sich neben mich. Rieche seine Alkoholfahne. Fragt mich, wo ich wohne. Lüge und sage, ich sei hier nur zu Besuch. Will wissen, was ich hier mache. Behaupte, Berlin nur anzuschauen und gleich meine Freundin zu treffen. Wiederholt, ich würde echt geil aussehen. Wiederhole ein unbeeindrucktes „Danke“ und streiche mir die Haare ins Gesicht. Sollmich nicht ansehen. Kommt mir näher. Rücke weg. Beobachtet mich. Fragt mich nach meinem Namen. Hält sich dabei die Hand vor den Mund, damit ich den Alkohol nicht rieche. Sage ihm meinen Namen. Frage mich im selben Moment: WARUM?
Schöner Name. Sagt, er würde mich jetzt wirklich gerne küssen. Entgegne, dass ich das nicht wolle. Meint, mein Freund wäre kein Hindernis. Entgegne, für mich schon. Erzählt von seiner Frau und drei Kindern Zuhause und dass ihn das auch nicht störe. Meine, das wäre scheiße, müsse aber jeder für sich selbst entscheiden. Mustert mich von oben nach unten. Beschreibt, wie ihm meine Haare, meine Lippen und meine Brüste gefallen würden. Fühle mich unwohl, dass er besonders meine Brüste so kommentiert, sage nichts und schaue zu Boden. Fügt hinzu, ich hätte Sex-Appeal, hätte mich einfach ansprechen müssen, hätte gar keine andere Wahl gehabt. Frage ihn, ob das alles wäre, worauf er bei Frauen achte. Entgegnet, alle Männer wären so. „Ich hoffe nicht, dass alle Männer so sind wie du.“
Er Lacht. Zeigt auf den Mann gegenüber. Behauptet, „der Schwarze da“ würde mich auch schon die ganze Zeit anschauen. Der würde mir garantiert auch nur auf die Brüste gucken. So wären alle Männer. Schaue auf die Sitzreihe gegenüber. Der Mann guckt zwar, scheint jedoch eher einen besorgten Ausdruck zu haben. Sagt aber nichts. Wiederholt, dass er mich küssen wolle. Widerspreche. Fängt an, von seiner Frau zu erzählen; dass sie gerade mit den Kindern Zuhause sei und hier von nichts mitbekommen müsse. Es gäbe einfach zu viele schöne Frauen auf dieser Welt. Eine davon wäre ich. Fühle mich nicht im Geringsten geschmeichelt. Eine weitere geht an uns vorbei, schaut ihr unverhohlen auf den Arsch. Fragt, ob mein Arsch auch so geil wäre wie der Rest meines Körpers. Ignoriere ihn. Sagt zum dritten Mal, dass er mich hier und jetzt küssen wolle. Meide seinen Blick, wiederhole erneut, ich wolle das nicht. Kommentiert ein Muttermal auf meiner Schulter. Beugt sich dafür zu mir, als würde er mich gleich wirklich küssen. Drehe mein Gesicht weg, schaue auf den Boden. Schaue die anderen Fahrgäste gleich gegenüber von mir nicht an. Ist mir peinlich. Will wissen, bis wohin ich fahre. Sage, ich müsse die nächste Station raus. Findet es schade, meint, er müsse noch weiter fahren. Die Bahn hält an. Stehe auf. Hält mir die Hand hin. Warum habe ich sie genommen?
Unglaublich, dass ich bis zuletzt noch höflich bleibe. Schüttelt meine Hand. Drehe mich zum Ausgang. Ruft mir eine letzte Demütigung hinterher; mit meinem Arsch hätte er Recht behalten.
Atme tief durch. Bin froh, dass er mir nicht hinterher ist. Dieselben arabischen Männer, die sich vorher gestritten haben, sind auch ausgestiegen. Scheinen die Situation in der U-Bahn beobachtet zu haben. Mustern mich und zwinkern mir zweideutig zu, wechseln verschwörerische Blicke. Was wollen die denn jetzt noch von mir? Gehe schnell weiter und hoffe, dass auch sie mir nicht folgen. Tun es nicht.
Frage mich Zuhause, was da los gewesen ist. Lag es an meiner Kleidung? Trug lange Jeans, hoch geschnittenes Oberteil. Keine nackte Haut. Lag es an meiner Ausstrahlung? Wie kann ich das überhaupt beeinflussen? Keine Ahnung.
Komme zum Schluss: Das passiert halt mal. Ist ja nicht das erste Mal gewesen. Ist ja nichts Schlimmes passiert. Hat mich ja nicht angefasst. Will das einfach abhaken. Schon okay. Dieser Gedankengang macht mich sauer. Will das nicht einfach abhaken. War nicht „schon okay“. Zwinge mich, das nicht als normal anzusehen. Erinnere mich an das Gespräch mit meiner Schwester, dass man so etwas nicht einfach runter schlucken dürfe, sondern sich darüber am besten mit anderen austauschen solle. Dass sich niemand das Recht raus nehmen dürfe, mich so zu behandeln. Selbst wenn ich nackt in der U-Bahn gefahren wäre.
Kein Mensch darf sich herausnehmen, meinen Körper so zu bewerten und mir unangenehm nah zu kommen, wenn ich offensichtlich dagegen bin. Und selbst wenn ich auch nur eine noch so kleine Andeutung gemacht hätte, wäre das schon genug gewesen. Warum schäme ich mich für etwas, wofür sich eigentlich der Typ schämen sollte? Weder mein Kleidungsstil noch meine Ausstrahlung sind das Problem, sondern das Selbstverständnis dieses Mannes, sich über eine Frau zu stellen, mich zu begaffen, mit unverschämten Aussagen zu belästigen und ein Nein nicht als Nein zu nehmen. Mein Körper ist niemandes Objekt. Und ich lasse mich nicht  einschränken. Kein Bock auf Victim Blaming!

VON H.

Die zwei Jungs der Band SDP aus Berlin Spandau gründeten sich im Jahr 1999. Seitdem machen Vincent Stein und Dag Alexis Kopplin zusammen Musik und haben auch heute noch Spaß daran. Die beiden schreiben und produzieren ihre Songs selbst. In den letzten Jahren starteten sie richtig durch, mit Lieder wie „Ne‘ Leiche“ in Zusammenarbeit mit Rapper Sido (2010) und "Ich will nur, dass du weißt“ mit Sänger und Songwriter Adel Tawil (2015) schafften sie schon vor ein paar Jahren kleinere Erfolge. Mit ihrem letzten Album „Die Bunte Seite Der Macht“, welches im März 2017 erschien, gelang den beiden Spandauern dann der Durchbruch. Die Fan-Box war nach kurzer Zeit ausverkauft, sodass noch eine kleine Fan-Box nachgelegt wurde. Heute laufen einige ihrer Lieder sogar in den Charts, was vor ein paar Jahren noch nicht denkbar war. Damals nannten sie sich auch „Die Bekannteste Unbekannteste Band Der Welt“, vermutlich in Anlehnung an ihre Vorbilder „Die Ärzte“,  die sich auch „Die beste Band der Welt“ nennen. Kurz vor dem Tourstart im November, hatten wir die Möglichkeit, Dag in einem Interview etwas auszuquetschen. Das Ganze haben wir hier bei jup! für euch zusammengefasst .

 

VON JASMINA UND SOPHIA