Mental Health im Studium

von
am 05.06.2020

Interview mit der Medizinstudentin Anna

Mental Health ist vor allem in den letzten Jahren ein großes Thema geworden. Auch für Jugendliche hat das Thema eine große Bedeutung. Egal, ob es sich um Probleme in der Schule und zu Hause oder um einen fehlenden Motivationsschub handelt - viele junge Menschen legen großen Wert darauf, ein ausgeglichenes Leben zu führen und sich mit der eigenen seelischen Gesundheit zu beschäftigen.

So auch bei Anna: Sie ist Anfang Zwanzig und studiert Medizin - eine Vollzeitbeschäftigung, die nicht ganz ohne ist. Das mit ihrem Privatleben in Balance zu kriegen erfordert viel Disziplin & Anstrengung und ist manchmal ziemlich belastend.

Umso spannender ist es für mich zu wissen: Welche Rolle spielt Mental Health im Leben einer jungen, ambitionierten Studentin? 

(Disclaimer: Aus Gründen der Privatsphäre verwende wir im Interview für die Person den Decknamen Anna.)

Hallo Anna! Schön, dass du bei unserem Interview mitmachst. Zunächst ein paar Fragen zu dir: Du studierst ja Medizin, was ziemlich viel Mühe und Disziplin fordert. Wie gehst du persönlich mit Stress um? Was hilft dir zu entspannen?

Hallo, danke, dass ich dir bei diesem Projekt eine Hilfe sein darf. Ich finde es toll, dass du dich mit „Mental Health“ befasst. Man sagt bekanntlich, dass Stress etwas ist, was man sich selbst macht. Grundsätzlich stimme ich dieser Aussage zu: Ich bemühe mich sehr, den Uni-Alltag so sehr zu genießen wie ich kann, und mir keine „Stress-Mentalität“ anzueignen.

Natürlich ist sowas vor allem in der Klausurphase sehr schwierig und vor allem dann, wenn alle ambitionierten Medizinstudenten um einen herum „Stress schieben“. Wenn ich dann mal doch großen Druck und Nervosität verspüre, hilft mir Musik oder aber auch ein bisschen Bewegung an der frischen Luft. Vielleicht tanze ich auch ein bisschen zu lauter Musik allein in meinem Zimmer. Sowas befreit den Kopf und entspannt mich.

Gibt es im Medizinstudium auch Schnittstellen zur mentalen Gesundheit? Welchen Stellenwert nimmt das ein?

Selbstverständlich gibt es in der Medizin Schnittstellen zur mentalen Gesundheit, da sich ja alles um die menschliche Gesundheit dreht in diesem Studium. Dazu muss ich aber sagen, dass es meist eher um mentale Störungen oder Krankheiten geht, als um allgemeines mentales Wohlbefinden.

Im Fach „Medizinische Psychologie“ haben wir zum Beispiel öfters über Bipolare Störungen oder manische Depressionen gesprochen. Wir haben uns aber auch ausführlich damit befasst, dass man gerade bei so einem anspruchsvollen Studium wie dem unseren öfter Depressionen haben kann, da man unter hohem Leistungsdruck steht und mit Stress nicht richtig umgehen kann.

Im Studium braucht es viel Disziplin - da ist auch Stress vorprogrammiert.

Wie bist du auf das Thema Mental Health aufmerksam geworden? Wird das auch in deinem privaten Kreis von Familie und Freund*innen thematisiert?

Tatsächlich ist es so, dass mir in den letzten Jahren immer häufiger auffällt, dass „Mental Health“ sehr stark in unserer Gesellschaft thematisiert wird. Man hört immer wieder von „mental instabilen jungen Menschen“, oder es gibt in jeder modernen TV-Serie mindestens eine Figur, die unter irgendwelchen psychischen Problemen leidet.

In meiner Familie sprechen wir nicht oft von „Mental Health“, aber unter meinen gleichaltrigen Freunden kommt es doch sehr oft zur Sprache. Vor allem unter Kommilitonen sprechen wir oft über unser persönliches seelisches Wohlbefinden und unsere mentale Gesundheit, da wir finden, dass es auch in unserem Studium nicht genug thematisiert wird, auch wenn es angeschnitten wird. Wir sind einfach generell der Meinung, dass Gesundheit eigentlich im Kopf beginnt und sich dann mehr und mehr auf den Körper auswirkt.

 

Über Mental Health zu sprechen ist nicht leicht für jede*n - viele haben negative Assoziationen dazu und fürchten Stigmatisierung. Wie verstehst du denn Mental Health für dich selbst? Was gehört für dich dazu?

Das stimmt leider wirklich. Oft wird man direkt als „Psycho“ angesehen, wenn man sich zu sehr auf sein „Mental Health“ fokussiert oder oft davon spricht.Dabei geht nicht so um das Meiden von psychischen Störungen, sondern vielmehr darum, wie man die Dinge betrachtet und sich mit seinen Gedanken und Gefühlen befasst.

Für mich gehört zu „Mental Health“ grundsätzlich meine Beziehung zu mir selbst. Wie ich mich selbst betrachte, was ich nach außen projiziere, wie ich mit meinen Gedanken und Gefühlen umgehe und sie zum Ausdruck bringe. Aber auch wie ich mit denen meiner Mitmenschen umgehe und vor allem dann, wenn sie nicht dasselbe denken oder empfinden wie ich. Ich denke stark und oft darüber nach, was andere von mir denken und wie sie mir gegenüberstehen und realisiere auch, dass es nicht immer gesund ist, sich so sehr darauf zu fokussieren was andere in Bezug auf einen selbst denken oder fühlen. Man sollte sich viel mehr im Klaren sein, was man selbst empfindet und wie man selbst mit einer Situation umgeht. Danach kann man sich mit den Gedanken und Gefühlen anderer auseinandersetzen.

Oft wird Mental Health nicht wirklich ernst genommen oder sogar romantisiert. Welche Gefahren bzw. Konsequenzen erkennst du darin?

Ich bin definitiv auch der Meinung, dass psychische Beschwerden idealisiert werden. Oftmals kommt sowas gerade von den Medien. Plötzlich finden alle die Figur in der Serie „richtig cool“, die ihre Gefühle abgrenzt oder bipolar istund denken nicht doppelt darüber nach, dass in der Serie ernsthafte Krankheiten thematisiert werden. Andererseits hat man auch nicht direkt eine psychische Beschwerde, wenn man mal einen Tag schlecht gelaunt ist.

Ich finde es sehr wichtig, dass man versucht so ausgeglichen wie möglich seinen Alltag zu leben. Wenn man sich zu sehr auf die 20 Minuten am Tag konzentriert, in denen man grummelig war, projiziert man diese Laune dauerhaft auf sich selbst und denkt letztendlich, dass etwas psychisch nicht stimmt mit einem. Man sollte sich bewusst sein, dass nach den schlechten Tagen die guten kommen. So ist das Leben nun mal: es gibt Höhen und Tiefen. Wenn es keine Tiefen gäbe, könnte man die Höhen nicht so gut ausleben.

"So ist das Leben nun mal: Es gibt Höhen und Tiefen."

Bist du ein Perfektionist oder “leidest” du auch hin und wieder unter Aufschieberitis (besser bekannt als Prokrastination)?

Diese Frage finde ich sehr amüsant, denn ich bin beides: Eine Perfektionistin gefangen im Körper eines Prokrastinators. Ich versuche alle meine Aufgaben sorgfältig und auf höchstem Niveau zu erledigen, tue dies aber leider oft auf den allerletzten Drücker. Aber da es dann dennoch „perfekt“ wird, habe ich noch nicht gelernt es anders zu machen.
 

“Hustle Culture” ist der soziale Standard, einzig durch High-Level-Performance Erfolge zu erzielen. Es wird vor allem unter der jungen Generation kritisiert. Nicht zuletzt liegt das daran, dass in unserer Gesellschaft Prinzipien wie Produktivität stark idealisiert sind. Wie empfindest du Leistungsdruck?

Ich gebe dir auf jeden Fall Recht, dass ich das vermehrt mitbekomme, vor allem unter meinen Kommilitonen. Produktivität ist auf jeden Fall eine sehr gute Eigenschaft, und wird vor allem im Medizinstudium sehr hoch angerechnet. Produktivität und Disziplin sind eigentlich alles was man braucht, um ein guter Arzt zu werden (neben Empathie).

Ich empfinde manchmal Leistungsdruck, aber weniger von außen als von mir selbst. Ich stelle oft sehr hohe (manchmal auch zu hohe) Erwartungen an mich selbst, weil ich ein Potential in mir sehe, diesen Erwartungen gerecht zu werden. Manchmal muss man aber auch akzeptieren, dass man sein eigenes Wohlbefinden nicht aufs Spiel setzen sollte, nur um bei etwas der oder die Beste zu sein. Viel wichtiger ist es dann, dass man etwas seinen eigenen mentalen und körperlichen Kapazitäten entsprechend gut gemacht hat.

Wie wichtig ist dir eine ausgewogene Work-Life-Balance?

Mir ist eine ausgewogene Work-Life-Balance sehr wichtig. Ich finde, dass ich gerade in dem Alter bin, wo ich das Leben richtig auskosten sollte. Ich werde nie wieder so jung sein wie ich es heute bin, und das nicht auszuleben, wäre ein großer Fehler. Natürlich sind mir meine Bildung und mein späteres Berufsleben sehr wichtig, aber nicht auf die Kosten meiner Jugend. Ich möchte auf Partys gehen, verschiedene Menschen kennenlernen und Erfahrungen sammeln. Das bedeutet aber nicht, dass ich mein Studium oder meine Arbeit vernachlässigen muss.

Mal aus der Bib kommen: Es ist wichtig, ein Ausgleich zum Uni-Leben zu finden.

Was denkst du: Sollten wir uns bewusster mit unserer Gesundheit auseinandersetzen?

Auf jeden Fall. Wir sollten uns grundsätzlich immer im Klaren sein, was für Optionen wir haben, wenn wir eine Entscheidung treffen oder uns in eine Situation begeben. Ich überlege mir oft: Werde ich diese Entscheidung bereuen? Werde ich nervös oder unzufrieden sein mit dem Ausgang dieser Situation? Kann ich mit den Konsequenzen meiner Handlungen leben?

Die wichtigste Beziehung, die man hat, ist die zu sich selbst. Solange man Dinge mit seinem eigenen Gewissen vereinbaren kann, bleibt man mental gesund. Es ist sehr wichtig, dass wir uns jeden Tag bewusst sind, wer wir sind und was wir wollen. Wir sollten uns selbst öfter auf die Schulter klopfen, und auch wenn mal etwas nicht funktioniert, sagen „Es ist okay, du schaffst das schon.“ Wir müssen uns bewusst sein, dass unsere geistige Gesundheit genauso wichtig ist wie die körperliche.
 

Fun-Question: Was ist dein ultimativer Alleslöser-Tipp gegen einen doofen Tag?

Die Frage gefällt mir. Es gibt nicht unbedingt einen Alleslöser. Aber was mir oft hilft ist eine schöne Spotify-Playlist, ein langes Telefonat mit einer guten Freundin oder mit meiner Oma, oder eben eine gute Heul-Session im Bett. Manchmal lösen eine Runde Schlaf oder eine große Pizza auch die Probleme. Erstmal sollte man sich aber fragen: Ist dieser Tag wirklich so doof, oder kann sich alles noch zum Positiven wenden?

Vielen Dank, dass du dir für uns Zeit genommen hast!

Wichtig zu wissen:

Wenn ihr Probleme im Studium habt, dann wendet euch an die Psychologische Beratungsstelle eurer Universität oder Hochschule. Dort kriegt ihr Unterstützung!