Improvisation by Mr. Redhorn

am 16.09.2016
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Seine Waffe? Rot und aus Stahl. Seine Erscheinung? Gelassen und Scherzend. Von wem die Rede ist? Von Nils Landgren. Wer ihn noch nicht kennt, ist nicht zwangsläufig selber schuld. Denn Mr. Redhorn ist eher unserer Elterngeneration bekannt durch Kooperation mit ABBA, eigenem Funklabel „Funkunit“ und einem begnadeten Beherrschen der Posaune. Als wäre es nicht genug des Guten, singt er auch sehr sanft und ist seit über 38 Jahren glücklich verheiratet. Ihr werdet es ahnen, Nils Landgren ist für mich etwas wie ein moderner Superheld.

Auf dem Young Euro Classic Festival hatte ich die Chance, ihn persönlich kennen zu lernen und ihn für ein Interview zu gewinnen. Dort stellte er sein Improvisationstalent beim „Klassik meets Jazz-Abend“ vor.

jup!: Hallo, Herr Landgren! Stellen Sie sich doch erstmal selbst vor.

Nils Landgren: Mein Name ist Nils Landgren. Ich komme aus Schweden und bin Posaunist und Sänger. Seit über 20 Jahren spiele ich regelmäßig in Deutschland.

Wie kamen Sie zum Young Euro Classic Festival?

Ich wurde von der Geschäftsleitung gefragt, ob ich Lust hätte, als Pate dabei zu sein. Das war vor vier oder fünf Jahren. Das habe ich akzeptiert. Als Pate ist man für einen bestimmten Abend verantwortlich und hält eine kleine Rede. Nachdem ich das getan habe, wurde ich weiter angefragt, ob ich nicht Lust hätte, mich mit dem Programmablauf zu beschäftigen und ein bisschen Improvisationsmusik mitreinzubringen, weil es ein rein klassisches Festival ist. Die wollten dann ein wenig in die Richtung der Improvisation und Jazz gehen. Das habe ich auch zugesagt und habe dann angefangen ein oder mehrere Abende zu kuratieren. Mit verschiedenen Künstlern, wir holen uns meistens jüngere Musiker aus Skandinavien, manchmal auch aus Deutschland, wurde das zu einer schönen Mischung. Dieses Jahr haben wir hier in Berlin mit zum Teil türkischen Musikern zusammengearbeitet. Das ist zu einem riesen Erfolg geworden. Wir haben immer volle Häuser gehabt. So sieht es auch jetzt aus. Es ist total ausverkauft und das ist ein ganz stolzes Gefühl.

Wie finden Sie es, dass Jung-Musiker die Möglichkeit bekommen, hier aufzutreten?

Also als erstes finde ich es sehr wichtig für junge Musiker, diese Chance zu bekommen. Wir haben eine Zukunft. Das sind die, die jünger sind als ich. Es kann sein, dass ich jung im Herzen bin, aber ich bin auch schon 60. Aber man muss sich um den Nachwuchs kümmern. Wir haben hier eine unglaubliche Chance vor einem riesen Publikum zu spielen. Das ist eine Chance, die man nutzen sollte und man hat damit die Chance weiter zu kommen. Wenn man etwas gezeigt hat und die Leute haben es gut gefunden, dann hat man auch eine Zukunft als Musiker.

Wie fühlt es sich an, zu den erfolgreichsten Jazz-Musikern unserer Zeit zu gehören?

Also, das hast du gesagt! Aber wenn es so ist, dann ist es ein sehr gutes Gefühl, wenn es jemand so sieht. Ich laufe ja nicht selber rum und denke: „Ich bin der Beste!“ Ich habe ja einiges erreicht und das ist ein sehr gutes Gefühl, das muss ich sagen. Es kostet aber sehr viel Zeit und Arbeit dieses Gefühl zu behalten. Die Arbeit, die dahinter steckt, wird weitergehen. Das macht aber auch Spaß!

Ihr Spitzname ist Mr. Redhorn. Steht die rote Farbe für Leidenschaft?

Wir können gut sagen, es steht für Liebe, Leidenschaft, Herz und Rot ist überhaupt eine gute Farbe, finde ich.

Musik als Berufung. War ihnen ein normaler Job zu langweilig? Oder hat man als Musiker auch einen gewissen Alltag?

Einen Alltag hat man absolut. Der Alltag besteht meistens aus aufwachen, frühstücken, reisen, ankommen, üben, Soundcheck machen, Konzert spielen, zwei Gläser Wein trinken, ins Bett gehen und so weiter. (lacht) Natürlich auch das Büro pflegen jeden Tag. Es gibt also einen Alltag. Ein „normaler“ Job kam nie in Frage für mich. Ich wusste, dass ich Musiker werden musste. Das bin ich auch zum Glück geworden und jetzt spiele und singe ich.

Sie mixen gern unterschiedliche Musikrichtungen zusammen, wie heute. Traditionelle türkische Musik, Klassik und Jazz. Woher nehmen Sie ihre Inspiration?

An diesem Abend nehme ich meine Inspiration von den anderen Musikern. Die türkischen Musiker haben ihr eigenes Repertoire. Sie mischen traditionelle türkische Musik mit Klassischer Musik und dazu komme ich mit meinen Musikern aus Schweden und Deutschland und wir bringen da noch Improvisation mit rein. Man holt sich Inspiration von überall. Auch vom Alltag. Wenn ich zum Beispiel hier rumlaufe in Berlin, dann lasse ich mich von allem inspirieren: von den Leuten, die ich sehe, von dem Wetter oder einfach von der Umgebung. Eben das, was von den Fenstern, von den Restaurants und von den Straßen kommt.

Was war der wertvollste Rat, den Sie jemals im Zusammenhang mit Bühnenauftritten bekommen haben und von wem?

Das ist, glaube ich, schwierig zu beantworten, weil man manchmal keinen solchen Rat haben möchte, bevor man auf die Bühne geht. Dann bedeutet es, dass man anfängt darüber nachzudenken, was der oder die gesagt hat und was ich damit tun soll. Aber vor ungefähr 30 Jahren sagte ein amerikanischer Jazz-Musiker, Jimmy Heath, er spielte Saxophon und war einer von den großen Saxophonisten, zu mir, weil ich ein Solo nicht spielen wollte:

”Nils, I tell you one thing, modesty gets you nowhere. You play your solo.”

(„Nils, ich sage dir eines, Bescheidenheit bringt dich nicht weiter. Du spielst dein Solo.“)

Damit hat er gemeint: „Wenn du nicht spielst, kannst du nach Hause gehen!“. Ich habe darauf mein Solo gespielt und mich dabei gut gefühlt, weil ich dachte: „Okay, er meinte, du musst es machen, du musst da durch!“ Das war für mich ein Augenöffner, seitdem versuche ich, mich besser vorzubereiten.

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