"Night is short, Walk on Girl"

Amine Nights Film-Premiere

Bei den letzten „Anime Nights“ startete der japanische Film "Night is short, Walk On Girl" (FSK 16) des derzeit populären Regisseurs der alternativen Animationsfilmszene, Masaaki Yuasa, in den deutschen Kinos. Der Film basiert auf dem Roman des Bestsellerautors Tomihiko Morimi.

VON NICOLE

 

FSK 16

Voran gestellt: Die Jugendschutzkommission hat sicher mit der Altersfreigabe FSK 16 es auf die exzessive Jagd nach Alkohol, die sich durch den Film zieht, abgezielt. Aus meiner Sicht bedarf es aber auch für das Verstehen dieses Filmformates schon eines gewissen Alters und Grundkenntnisse der japanischen (Manga)Kultur. Wer also einen japanischen Animationsfilm à la „Heidi“ erwartet, mit großäugigen Figuren und einschichtiger Handlung und keinerlei Vorkenntnisse im Kunst- und Kulturverständnis der japanischen Manga hat, kann schnell enttäuscht sein.

Technisch gesehen ist der persönliche Stil von Masaaki Yuasa, der sowohl gezeichnete Animationen als auch Flash verwendet, um farbenfrohe, oft minimalistische Visualisierungen zu erzeugen, klar erkennbar und hat wenig Ähnlichkeit mit den meisten japanischen oder amerikanischen Animationsfilmen.

Jugendschützer*innen und Pädagog*innen werden von den ersten 20 Minuten des Filmes, in denen es sich ausschließlich um Alkohol dreht, an die Irrungen und Wirrungen eines Alkoholabhängigen erinnert sein, dessen Gedanken einzig und allein  um die Beschaffung des Stoffes und die Flucht aus der Realität kreisen. Abgekürzt lässt sich jedoch sagen, dass etwa jeder zweite Nordostasiate Alkohol nur schlecht verträgt, da ein bestimmtes Gen zum Abbau desselben fehlt. (Quelle: Gesundheitsportal onmeda.de) In der strengen japanischen Kultur steht dies als Synonym für eine Flucht aus der Realität.

Längst sind die Zeiten vorbei, die uns europäischen Studierenden die Furcht vor den übereifrigen Japaner*innen mit militärischer Lerndisziplin eingeflößt haben. Japans Jugend ist in der moderne angekommen, mitunter auch in der „Orientierungslosigkeit“, in den Vorlesungssälen wird selbst in den vordersten Reihen - geduldet - geschlafen. (Quelle: zeit.de)

 

Die Story

Die Geschichte spielt an einem Universitätscampus in Kyoto und handelt von den nächtlichen Ausbrüchen der Studierenden aus den engen Fesseln der traditionellen Kultur, über deren Einhaltung selbst zum angesetzten Kulturcampusfest ein letztes Relikt, ein studentisches „Kultur- und Sittenkomitee“ wacht, was selbst schon von sogenannter Sittenlosigkeit durchsetzt ist.

Die Protagonistin, die junge Studentin und Teenagerheldin, die nur als Mädchen mit schwarzen Haaren (Kana Hanazawa) bekannt ist – ausgestattet mit dem seltenen Gen der Alkoholverträglichkeit und familiärer Kampfkunst – stürzt sich mit einer Gruppe von Studierenden in das Nachtleben des Szeneviertels Kyotos und trifft dabei auf die Stereotypen der Nacht: Trinker, Sexbesessene, Nachtschwärmer und schrägen – mitunter zwielichtigen - Gestalten, die das Leben am Tag gegen die Stimmung der Nacht eingetauscht und dort ihren Lebensinhalt gefunden zu haben scheinen. Diese Parallelwelt ist begrenzt auf das Szeneviertel Kyotos mit seinen zahlreichen Bars und den Universitätscampus, welchen sie als Erstsemestlerin aus einem kleinen Dorf stammend blauäugig erkundet.

Die Filmstory jedoch taumelt durch die Nacht, wie das Mädchen mit dem schwarzen Haar nach ihrem x-ten Cocktail: Sie besucht eine Second-Hand-Buchmesse, in der Hoffnung, ihr Lieblingskinderbuch zu finden, und ein Campuskulturfestival, bei dem sie an einem Guerilla-Musiktheater teilnimmt. Am Ende der Nacht bringt sie Suppe zu den Charakteren, die sie getroffen hat, die sich alle erkältet haben, weil in der „Community der Nacht“ jeder zu jedem irgendwann Kontakt hatte. Die Lovestory, die sich durch den gesamten Film zieht, handelt von einseitig entgegengebrachter Verliebtheit unter Studierenden und hat auch mehr als nur ein Happy End und auch ein Coming Out.

 

FAZIT

"Night is short" ist ein sehr vielschichtiges Kunstwerk, das Unbedarften vielleicht etwas „schräg“ vorkommen mag. In der Reihe der Filme mit dem Anspruch ein Kunstwerk zu sein, hat er auf jeden Fall seinen Platz verdient. Er spiegelt die ideelle Flucht aus der uns manchmal nicht leicht verständlichen japanischen Tradition, in Bezug auf Ausleben bestimmter Vorlieben und deren besonderen Auswüchse.

Der Film ist abwechselnd faszinierend und frustrierend. Die Visualisierungen sind oft auffallend schön und komisch. Aber die Bewegungen sind steif, die Figuren reden endlos und die unnötigen Lieder unterbrechen die Handlung.

„The Night is Short, Walk on Girl“, Gewinner des japanischen Filmpreises für Animation 2018, ist keinesfalls ein herkömmlicher Animationsfilm, sondern ein höchst originelles Werk eines Künstlers, der seiner eigenen Vision folgt – der vielleicht nicht jeder folgen vermag.

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